Werbung an Bord

Da liege ich doch gestern nach Feierabend noch im Treptower Park am Ufer und schaue aufs Wasser. Plötzlich schiebt sich eine Werbewand ins Bild. Was ist denn nun los? Das Wirtschaftsmagazin brand eins hat sich ein kleines Motorboot gemietet, es mit Werbetafel für das neue Heft ausgestattet und lässt es nun von zwei Studenten (Vermutung) das Spreeufer entlangfahren. Eine sehr coole Werbeidee, wie ich finde, die noch dazu viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bleibt nur zu hoffen, dass jetzt nicht alle Firmen auf den Zug äh das Boot aufspringen. Sonst fährt bald eine Reklametafel nach der anderen am Treptower Ufer vorbei – und man sieht nur Werbung statt Wasser.

Auf Seelenfang im Social Web


Screenshot von free-persoenlichkeitstest.de

Auf Facebook wird viel Werbung gemacht: Für Luxusvillen auf Fuerteventura, für Männerdeos, für Onlinespiele und seit Neuestem für Scientology. Auf den ersten Blick wirkt die Anzeige wie eine von vielen: „Erkenne dich selbst. Ein professioneller Test. Völlig kostenlos!“, steht dort. Ähnliche Psychotests kennt man aus Zeitschriften und von diversen Onlineseiten. Man beantwortet einige Fragen und erhält eine mehr oder weniger passende Einschätzung der eigenen Person, häufig in spaßhafter Form. Doch diese Testseite ist anders: Alle Antworten gehen direkt an Scientology.

Und die Sekte will so einiges von ihren potenziellen Neumitgliedern wissen: Nicht weniger als 200 (!) Fragen  gilt es zustimmend, neutral oder ablehnend zu beantworten. Klick für Klick verrät man so ziemlich viel über sich und seine Schwächen: „Haben Sie eher einen kleinen Kreis von engen Freunden, anstatt viele Freunde und flüchtige Bekannte?“ – „Ziehen Sie in einem Club oder einer Organisation, der Sie angehören, eine passive Rolle vor?“ – „Sind Sie zeitweilig ohne einen offensichtlichen Grund traurig und deprimiert?“

Andere Fragen wirken hingegen eher absurd und dienen offenbar dazu, von den wahren Zielen des Tests abzulenken. So lautet etwa Frage 3: „Blättern Sie einfach zum Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?“ – Klar logisch, wer tut das nicht ständig? Wobei es ja mittlerweile verdammt schwer geworden ist, überhaupt noch gedruckte Fahrpläne zu bekommen.

Am Ende möchte Scientology Berlin den vollständigen Namen, Alter, Geschlecht, E-Mailadresse und  Telefonnummer des Teilnehmers wissen. „Ihre Kontaktdaten werden nur verwendet, um Sie über das Testergebnis zu informieren und Ihnen eine persönliche Auswertung zu ermöglichen“, verspricht die Sekte. Ziel ist es offenbar, die Teilnehmer zu einem persönlichen Gespräch einzuladen. Dort wird einem dann erklärt, dass es natürlich gar nicht gut mit der eigenen Persönlichkeit steht. Nur einige Seminare bei Scientology können noch helfen…

Die Umfrageseite ist Teil der Social-Media-Strategie der Organisation. Die Sekte sei „auf dem Weg ins Kinderzimmer“, warnt der Verfassungsschutz. Mit Kampagnen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ werbe sie gezielt im Social Web um Mitglieder. Und das häufig unter dem Deckmantel von gut klingenden Tarnorganisationen. „Sowohl mit offenen als auch verdeckten Nutzerprofilen geht ‘Scientology’ in Sozialen Netzwerken auf Kundenfang“, heißt es im Verfassungsschutzbericht.

Ob die aktuelle Werbekampagne bei Facebook wirklich erfolgreich ist, darf bezweifelt werden. Wer beantwortet online schon gerne 200 persönliche Fragen am Stück? Der Psychotest ist kaum auf das Medium Internet zugeschnitten. Wo andere Seiten mit Gutscheinen und glitzernden Gewinnen locken, bietet Scientology nur ein buntes Diagramm und ein Werbegespräch an. Nicht gerade das, worauf man als junger Social-Media-Nutzer gewartet hat. Die deutschsprachigen Scientology-Seiten bei Facebook haben eine recht überschaubare Fanbasis: So hat etwa die Gruppe „Jugend für Menschenrechte“ ganze 19 Mitglieder.

Auch die eigentlichen Kampagnenseiten zu Menschenrechten und Drogen wirken wenig ansprechend: Statt Interaktion gibt es synchronisierte Videoclips aus den USA und eine PDF-Broschüre zum Download. Deren Aufmachung mit spirituell-kitschigen Bleistiftbildern und der Schriftart Comic Sans wirkt wie aus einer anderen Zeit (oder Welt). Jugendliche erreicht man so vermutlich nicht.

Nichtsdestotrotz sind die Seiten in Suchmaschinen sehr präsent. Unter dem Stichwort „Menschenrechte“ ist die Scientology-Tarnseite bei Google unter den ersten drei Ergebnissen. Wer seine Schulreferate aus Wikipedia zusammenkopiert und nach einer weiteren „Quelle“ sucht, der landet schnell bei der Sekte. Doch von dort bis zu einer Spende (bzw. einer Fördermitgliedschaft) ist es ein weiter Weg.

Was lernen wir daraus: Scientology ist im Internet zwar präsent, doch die Sekte wird dadurch nicht zwingend gefährlicher. Ihre Angebote sind für Jugendliche nicht attraktiv, sie erreichen nur eine geringe Resonanz und lassen sich mit Medienkompetenz und etwas gesundem Menschenverstand leicht enttarnen. Letztlich ist das die gute Nachricht.

Dieses iPhone kostet 2904 € (mindestens)

Die Verführung kommt in diesen Tagen ganz in grün daher. Die Lightboxes an den bus stops der Hauptstadt scheinen nur noch ein Motiv zu kennen. Die Littfaßsäule vor meinem Haus dreht es alle 56 Sekunden vorbei. “Es wartet auf dich”, haucht die Werbung. Zu sehen: Das iPhone 3GS. Das noch-“leistungsstärkste iPhone aller Zeiten”. Das ist einfach, weil es erst das zweite Handy dieses Typs ist und in diesem Jahr vermutlich schon ein noch schnellerer, stylischerer und gehypterer Nachfolger erscheinen wird. Ein runder roter Punkt hebt sich kontrastreich von dem Grün des Werbeplakates ab. Es ist das Preisschild: 1 Euro mit Sternchen.

Handyverträge sind ja generell eine Spielwiese für Sternchen, Fußnoten, Versprechen und Ausschlüsse, Preislisten und Haftungsbegrenzungen. Ich habe Handyverträge gesehen, die hatten mehr Fußnoten als so manche Bachelorarbeit. Hinzu kommen schwurbelige Formulierungen, die so klingen als wäre alles inklusive und am Ende kosten diverse Extras (wie der Name schon sagt) extra. Die Verlockung ist trotzdem da: Gibt es diesmal vielleicht etwas geschenkt?

Natürlich nicht! Die Kosten des 1-Euro-iPhone verstecken sich nicht hinter dem großen Display des Kommunikationsknochens, sondern im Kleingedruckten: Die Grundgebühr für den Tarif Complete L beträgt fast 120 Euro (!) pro Monat, hinzu kommt noch die Anschlussgebühr. Dafür bekommt man eine Flatrate in alle Netze, 3000 Inklusiv-SMS (die wohl kaum jemand verbrauchen wird), 100 Inklusiv-MMS und eine Flatrate für das Internet. Fast alles inklusive also. Aber zu welchem Preis?

Rechnen wir mal zusammen, was das 1-Euro-iPhone von mobilcom-debitel tatsächlich kostet:

119,95 Euro x 24 Monate
+ 25,95 Euro Anschlussgebühr
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gesamt: 2904,75 Euro
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Mit mehr als 2900 Euro kann man eine Menge anstellen: Man kann in so ziemlich jedes Land der Erde fliegen und dort ziemlich lange Urlaub machen, man kann sich einen Gebrauchtwagen zulegen oder sich für die nächsten acht Jahre jeden Tag ein Eis am Kiosk gegenüber kaufen. Oder man legt sich ein Handy zu, dass in weniger als einem halben Jahr vielleicht schon zum alten Eisen gehört. “Es wartet auf dich”, haucht die Werbung. Und ich sage: “Da kannste warten bis dein Display schwarz wird!”

Malteser verkünden Ende des Mobbing

Es erscheint auf den ersten Blick paradox: Je größer die Werbekrise in Deutschland, desto mehr Plakate von Hilfsorganisationen kleben an den Hauswänden und Bushaltestellen! Doch der Grund dafür ist ganz einfach: Viele Plakatunternehmen stellen wohltätigen Organisationen ihre ohnehin leer stehenden Flächen für umsonst oder gegen einen stark reduzierten Betrag zur Verfügung.

In einer unauffälligen Toreinfahrt am Spandauer Damm in Berlin, in bester C-Lage also, habe ich dann auch das oben stehende Plakat entdeckt. Der Slogan “Mensch, Mobbing war gestern!” stach mir sofort ins Auge – und ließ mich zugleich die Stirn runzeln. Mobbing ist also ein Thema von gestern? Habe ich da was verpasst? Ich dachte bisher immer, dass Mobbing ein relativ aktuelles Thema ist. Doch auch beim weiteren Nachdenken wurde die Aussage des Posters nicht wirklich klar. Es scheinen vielmehr ganz verschiedene Auslegungen von Slogan und Plakat möglich:

1. Der Slogan “Mensch, Mobbing war gestern” lässt durch die Verwendung der Vergangenheitsform nur den Schluss zu, dass es heute kein Mobbing mehr gibt. Das wollen die Malteser nun stolz verkünden. Der Einsatz des Ausrufezeichens bekräftigt den (zweifellos) als Erfolg zu verbuchenden Zustand des Nicht-Mobbings. Die direkte Ansprache “Mensch” soll jugendlich wirken, zielt aber an gängigen Sprachmustern der U20-Generation vorbei. Seltsam unklar bleibt in diesem Zusammenhang die Aufforderung “Jetzt die Malteser unterstützen”. Wenn es kein Mobbing mehr gibt, fehlt auch der Grund zur Unterstützung.

2. Der zweite Slogan “Mensch, wir brauchen dich!”, verwirrt in diesem Zusammenhang. Er suggeriert, dass es mit dem Mobbing in Deutschland offenbar doch nicht zum Besten steht. Durch die Verwendung einer handgezeichneten Schriftart wirkt der Ausruf fast verzweifelt.

3. Wer ist “wir”? Auf den ersten Blick geben sich durch ihre Logos zwei Akteure als Urheber der Kampagne zu erkennen. Die Deutsche Eishockey Liga und die Malteser. Stellvertretend für beide Verbände posieren eine Rettungssanitäterin und ein Eishockeyspieler am unteren linken Bildrand. Die Ausrichtung der Logos in der Sprechblase suggeriert eine Gleichstellung beider Organisationen. Diese wird jedoch durch den beigestellten Text “Jetzt die Malteser unterstützen. Mit engagierter Hilfe der DEL – Deutsche Eishockey Liga” praktisch aufgehoben. Die DEL hat nur einen nicht näher spezifizierten “helfenden” Charakter, veranstaltet wird die Kampagne von den Maltesern.

3. Die Personen. Optisch lassen sich zwei Personengruppen ausmachen. Während Rettungssanitäterin und Eishockeyspieler über ihren Beruf und die damit verbundene “Uniform” auszgezeichnet sind, stehen ihnen das kleine Mädchen, der ältere Herr und der junge Vater quasi funktionslos gegenüber. Wie schützend hält dann auch der junge Vater sein Baby vor sich, um allen eventuell auftauchenden Vorwürfen über seine Funktion in der Gesellschaft und auf dem Plakat vorzubeugen. Der ältere Herr versucht solcherlei auftauchende Zweifel souverän wegzulächeln. Für eine andere Variante entscheidet sich das kleine Mädchen: Mit spitzem Finger deutet es auf Eishockeyspieler und Rettungssanitäterin, fast so als wollte es sagen “die beiden sind die Außenseiter, nicht wir!” Bei ihr scheinen erste Grundzüge einer Mobbinghaltung durchaus vorhanden zu sein. Die Rettungssanitäterin als Vertreterin der “helfenden Zunft” könnte hier eingreifen, starrt aber stattdessen lieber Löcher in die Luft.

4. Die “leere” Silhouette. Lässt im Grunde drei unterschiedliche Deutungen zu:

A. Bei der “verschwundenen” Person in der leeren Silhouette handelt es sich um den “Mobber”. Er ist kleiner als die anderen erwachsenen Personen, der Eishockeyspieler, der ältere Herr und der junge Vater. Nicht zuletzt deshalb plagten ihn Minderwertigkeitskomplexe, die ihn dazu veranlassten, schwächere Personen gezielt auszugrenzen und zu diffamieren. Als früheres Mobbingopfer kommen vor allem das kleine Mädchen und die Rettungssanitäterin in Betracht. Letzere rückt durch eine Besonderheit in den Fokus: Sie schaut als einzige den Betrachter nicht direkt an, will sich (vermutlich aus Angst vor erneuten Mobbingattacken) bewusst nicht in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Zugleich hat sie sich geschickt am Rand des Plakates positioniert, eine vermeintlich unauffällige Position in der Gruppe. Die leere Silhouette deutet das Verschwinden des Mobbers an. Vielleicht wurde er von den anderen “weggemobbt”?

B. In der “leeren” Silhouette stand ein Mobbing-Opfer, das sich nun nicht mehr auf das Plakat traut. Möglich wäre eine weibliche Person, welche die Lücke zwischen älterem Herrn und jungem Vater gesellschaftlich füllen würde. Eine Frau  in den besten Jahren beispielsweise. Nur das kleine Mädchen traut sich mit dem Zeigefinger auf den oder die Mobber zu zeigen. Wieder fällt die Rettungssanitäterin auf: Schaut sie vielleicht absichtlich so gezielt in den Himmel um nicht aufzufallen? Ihr leicht zugeneigt steht der Eishockeyspieler. Auch er könnte ein “Täter” sein. Will er sich nach dem “Wegmobben” eines unliebsamen Konkurrenten (leere Silhouette) an die schöne Sanitäterin ranmachen?

C. Der Betrachter soll sich selbst in die Silhouette einfügen. Er soll ein Teil der sich nicht-über-ihre-Arbeit-identifizierenden Gesellschaft werden (siehe Punkt 3 – Die Personen). Ein Raum zur Teilnahme bietet sich nicht auf Seiten von Sanitäterin und Eishockeyspieler, sondern nur zwischen älterem Herrn und jungem Vater. Zusammen mit dem kleinen Mädchen – der kleinen Mobberin in spe – sind drei Generationen zusammen zu bringen. Keine leichte Aufgabe!


Mensch, wer das wohl mitmacht? Die Webseite zum Plakat ist dröge und altbacken.

5. Die Webseite. Fast ahnt man, warum die Macher des Plakates die URL www.mensch-wir-brauchen-dich.de nur so klein aufgedruckt haben. Die Seite ist nämlich noch viel schlechter als das Plakat vermuten lässt. Komplett in Flash gestaltet bietet sie kaum zusätzliche Informationen zu der Kampagne. Es geht wohl gegen Mobbing und Gewalt an Schulen. Beim Betrachten des Plakates wäre man darauf nicht gekommen – klar, ist doch auch kein einziger Schüler darauf abgebildet! In briefmarkengroßen Videos holpern Eishockeyspieler runter, wie klasse sie die Kampagne finden. Hinzu kommen technische Mängel: Im Mozilla Firefox funktionieren manche Buttons nicht – etwa die zu den Plakaten und Zeitungsanzeigen. Browserunabhängig führt der Punkt “Community” nur zu einer weiteren schlecht lesbaren Texttafel. Interaktivität Fehlanzeige! Die einzige Möglichkeit sich zu beteiligen scheint darin zu bestehen, Geld an die Malteser zu spenden. Da möchte man eigentlich nur sagen: “Mensch, sowas ist echt von gestern!”