Gute Reportagen lesen auf LiesMich

Einige von euch werden sich bestimmt schon gefragt haben, warum hier seit längerer Zeit kein neuer Artikel mehr erschienen ist. Der Grund liegt darin, dass ich meine Energie im Moment komplett auf ein anderes Projekt konzentriert habe, welches ich euch hier nun vorstellen möchte.

Lange Texte kommen im Netz oft zu kurz

Vielleicht kennt ihr auch das Problem: Ihr habt noch eine halbe Stunde Zeit und würdet gerne einen spannenden Text lesen. Wer jetzt auf die Webseite einer Tages- oder Wochenzeitung geht, hat schon so gut wie verloren. Hier gibt es vor allem Nachrichten und kurze Artikel – die wirklich guten Reportagen sind häufig nur kurz oben zu sehen und verschwinden dann schnell nach hinten. Eine eigene Rubrik nur für Reportagen gibt es häufig nicht. Bis man einen lesenswerten Text findet, vergeht also wertvolle Zeit.

Schneller finden und lesen dank LiesMich

LiesMich will hier eine Lösung anbieten: Auf der Webseite www.liesmich.me empfehlen wir jede Woche die besten Reportagen aus dem Netz. LiesMich ist kein automatischer Aggregator (wie etwa Google News), sondern ein redaktioneller Dienst. In der Redaktion lesen wir jede Woche zahlreiche Artikel aus deutschsprachigen Medien, diskutieren und bewerten sie. Die besten Reportagen empfehlen wir anschließend in selbst geschriebenen Teasern (Kurztexten) auf LiesMich. Immer Freitags gibt es eine neue Wochenauswahl mit Lesetipps.

Über 180 gute Reportagen

Seit Mitte 2011 haben wir auf diese Weise schon über 180 gute Reportagen online gesammelt – und jede Woche werden es mehr. Dabei verlinken wir immer auf die Webseite des jeweiligen Mediums, übernehmen also keine Texte auf unsere Seite.

Mit dem Umstieg auf ein neues Redaktionssystem haben wir jetzt den Grundstein gelegt, um die zentrale Plattform für gute Reportagen in Deutschland zu werden. Die Reportagen lassen sich jetzt nach Medium, Ressort, Thema und Lesezeit auswählen. Wer einen guten Text zum Thema Rechtsextremismus lesen will, wird genauso fündig, wie jemand der nur eine Viertelstunde Zeit hat und eine gute Reportage für Zwischendurch sucht.

Mitmachen und Texte empfehlen

Und die Leser können mitmachen: Wer eine gute Reportage im Internet findet, kann sie per Mail, Facebook oder Twitter einreichen. Wir prüfen jede Empfehlung und stellen sie dann online. Stück für Stück wächst so die Sammlung an lesenswerten Texten auf LiesMich.

Im Moment gestalten wir LiesMich zu viert als Non-Profit-Projekt. Tagsüber arbeiten wir in Redaktionen, Pressestellen oder im Marketing – abends und am Wochenende lesen wir Texte. Gemeinsam ist uns die Leidenschaft für gut geschriebene Reportagen. Und die möchten wir teilen.

Die Tücken der P-Sharan

Ich bin aber auch selbst Schuld: Da schenke ich meiner Schwester Deborah zu Weihnachten eine Pinhole-Kamera aus Pappe und überlasse ihr ganz allein den schwierigen Teil des Aufbaus. Äußerlich wirkte das Bastelset aus Japan durchaus einfach und verständlich. Die Packung des Modells  P-Sharan STD-35e lockte mit bunten Fotos und dem Versprechen des Herstellers „assembles in 1 hour or less“. Die Montage sollte sogar komplett ohne Klebstoff erfolgen, was den Schwierigkeitsgrad in meinen Augen deutlich zu senken schien.

Dass dem nicht so ist, stellt Deborah jetzt in ihrem Blog klar. In stundenlanger Geduldsarbeit hat sie die weitgehend unverständliche Anleitung interpretiert und Dutzende ähnlich beschrifteter Einzelteile (P1, B2, M7 etc.) zusammengefügt. Nicht mit Klebstoff, sondern mit den beigelegten Klebestreifen (soviel zum Versprechen „glueless“). Ihr Bericht dieses Unterfangens ist überaus lesenswert und für mich schon jetzt einer der lustigsten Blogartikel des Jahres. Aber lest am besten selbst: Deborah bastelt sich ‘ne Kamera.

Blog mit Käse überbacken

Liegt es an meinen Schweizer Genen, dass ich beim Thema „Überbackener Käse“ innerlich gespalten bin? Klar, so ein Käse-Fondue ist schon lecker und auch ein Raclette ist eine schöne Sache. Aber muss man deshalb jedes Stückchen Käse, das man in die Finger bekommt reiben, rösten und zu einer klebrigen Masse einschmelzen?

Die junge Amerikanerin MacKenzie Smith scheint genau das zu tun – und sie bloggt darüber: Grilled Cheese Social heißt die Seite, auf der sie Rezepte für überbackene Sandwiches gibt. Ja genau, diese Dinger für die man normalerweise ein Stück 0815-Scheibletten-Käse zwischen zwei Toastbrot-Scheiben klemmt und sie dann im Sandwichtoaster zu einem dreieckigen Gebildete zusammenröstet.

Zugegeben, die Fotos ihrer Kreationen (Cranberry-Senf-Truthahnbrust, Grüne-Bohnen-Camembert) sind durchaus appetitanregend. Aber spätestens bei der Käseauswahl merkt man schnell, dass die USA einfach kein Käseland sind: Hinter Gouda, Cheddar und Brie kommt erst mal nicht viel. Und ein Greyerzer gilt schon als seltene Spezialität. Ein Schweizer kann darüber natürlich nur lachen. Andererseits, wage ich als Schmelzkäse-Laie zu behaupten, schmeckt man ohnehin kaum noch Geschmacksnuancen heraus, wenn der Käse erst mal in klebrigen Fäden am Toastbrot hängt und eine unheilvolle Allianz mit Chili-Ketchup und geröstetem Speck eingegangen ist…

Witzig geschrieben sind die Begleittexte zu den Rezepten. MacKenzie Smith erzählt dort kleine Anekdoten, etwa aus ihrem Uni-Leben: In den ersten Wochen im Wohnheim habe sie sich vor allem von Cornflakes, Erdnuss-Butter und Jelly-Sandwiches ernährt. Da habe ihr aber schnell die Abwechslung gefehlt: „But my palette and reputation were suffering; one can only go through the TacoBell drive-thru so much before they start to know you by name.”

Ja, schon wirklich tragisch! Aber erfindungsreich wie sie war, hat sie sich gleich eine kulinarische Alternative überlegt, die völlig ohne lästiges Gemüse auskommt und für deren Herstellung man nur ein Bügeleisen und etwas Alufolie benötigt: Grilled Cheese Iron Style – das vermutlich erste Bügeleisen-Sandwich. Allein schon wegen dieser heißen Kreation sollte man sich ihr Grilled Cheese Social-Blog einmal näher anschauen.

Die dünnsten Geschichten der Welt

Gestern in der GMX-Redaktion:

Chef vom Dienst: „Wir brauchen noch eine Geschichte für den Aufmacher! Irgendwelche Ideen?“
Redakteur (kramt in Unterlagen):„Strauß-Kahn?“
Chef vom Dienst: „Hatten wir schon x mal, das klickt nicht mehr.“
Redakteur: „Griechenland-Krise?“
Chef vom Dienst: „Verstehen unsere Leser eh nicht. Das muss simpel sein!“
Redakteur: „Wie wäre mit einer Klickstrecke?´“
Chef vom Dienst: „Schon besser…aber zu welchem Thema denn?“
Redakteur (grübelnd): „Hm…Tierbabys hatten wir schon…Bikinimädels auch. Aber wie wäre es mit: Die schmalsten Häuser der Welt“
Chef vom Dienst (stirnrunzelnd): „Kriegen wir da mehr als fünf Fotos zusammen?“
Redakteur (klickt sich schon durch die Datenbank): „Aber klar doch. Da gibt es eins in einem Kaff bei London und hier Entwürfe für ein 1,52 Meter Haus in Polen…oder dieses hier: Ein dreieckiges Haus irgendwo in China.“
Chef vom Dienst: „Dann los! In einer halben Stunde will ich das Ding auf der Startseite sehen! Bin mal gespannt ob wir damit den bisherigen Favoriten „20 süße Hundewelpen“ vom Klick-Thron kegeln.“ (lacht in sich hinein)

So kam es vermutlich, dass GMX.de am 6. Juli mit dem Artikel “Die schmalsten Häuser der Welt” aufmachte.

Auf Seelenfang im Social Web


Screenshot von free-persoenlichkeitstest.de

Auf Facebook wird viel Werbung gemacht: Für Luxusvillen auf Fuerteventura, für Männerdeos, für Onlinespiele und seit Neuestem für Scientology. Auf den ersten Blick wirkt die Anzeige wie eine von vielen: „Erkenne dich selbst. Ein professioneller Test. Völlig kostenlos!“, steht dort. Ähnliche Psychotests kennt man aus Zeitschriften und von diversen Onlineseiten. Man beantwortet einige Fragen und erhält eine mehr oder weniger passende Einschätzung der eigenen Person, häufig in spaßhafter Form. Doch diese Testseite ist anders: Alle Antworten gehen direkt an Scientology.

Und die Sekte will so einiges von ihren potenziellen Neumitgliedern wissen: Nicht weniger als 200 (!) Fragen  gilt es zustimmend, neutral oder ablehnend zu beantworten. Klick für Klick verrät man so ziemlich viel über sich und seine Schwächen: „Haben Sie eher einen kleinen Kreis von engen Freunden, anstatt viele Freunde und flüchtige Bekannte?“ – „Ziehen Sie in einem Club oder einer Organisation, der Sie angehören, eine passive Rolle vor?“ – „Sind Sie zeitweilig ohne einen offensichtlichen Grund traurig und deprimiert?“

Andere Fragen wirken hingegen eher absurd und dienen offenbar dazu, von den wahren Zielen des Tests abzulenken. So lautet etwa Frage 3: „Blättern Sie einfach zum Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?“ – Klar logisch, wer tut das nicht ständig? Wobei es ja mittlerweile verdammt schwer geworden ist, überhaupt noch gedruckte Fahrpläne zu bekommen.

Am Ende möchte Scientology Berlin den vollständigen Namen, Alter, Geschlecht, E-Mailadresse und  Telefonnummer des Teilnehmers wissen. „Ihre Kontaktdaten werden nur verwendet, um Sie über das Testergebnis zu informieren und Ihnen eine persönliche Auswertung zu ermöglichen“, verspricht die Sekte. Ziel ist es offenbar, die Teilnehmer zu einem persönlichen Gespräch einzuladen. Dort wird einem dann erklärt, dass es natürlich gar nicht gut mit der eigenen Persönlichkeit steht. Nur einige Seminare bei Scientology können noch helfen…

Die Umfrageseite ist Teil der Social-Media-Strategie der Organisation. Die Sekte sei „auf dem Weg ins Kinderzimmer“, warnt der Verfassungsschutz. Mit Kampagnen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ werbe sie gezielt im Social Web um Mitglieder. Und das häufig unter dem Deckmantel von gut klingenden Tarnorganisationen. „Sowohl mit offenen als auch verdeckten Nutzerprofilen geht ‘Scientology’ in Sozialen Netzwerken auf Kundenfang“, heißt es im Verfassungsschutzbericht.

Ob die aktuelle Werbekampagne bei Facebook wirklich erfolgreich ist, darf bezweifelt werden. Wer beantwortet online schon gerne 200 persönliche Fragen am Stück? Der Psychotest ist kaum auf das Medium Internet zugeschnitten. Wo andere Seiten mit Gutscheinen und glitzernden Gewinnen locken, bietet Scientology nur ein buntes Diagramm und ein Werbegespräch an. Nicht gerade das, worauf man als junger Social-Media-Nutzer gewartet hat. Die deutschsprachigen Scientology-Seiten bei Facebook haben eine recht überschaubare Fanbasis: So hat etwa die Gruppe „Jugend für Menschenrechte“ ganze 19 Mitglieder.

Auch die eigentlichen Kampagnenseiten zu Menschenrechten und Drogen wirken wenig ansprechend: Statt Interaktion gibt es synchronisierte Videoclips aus den USA und eine PDF-Broschüre zum Download. Deren Aufmachung mit spirituell-kitschigen Bleistiftbildern und der Schriftart Comic Sans wirkt wie aus einer anderen Zeit (oder Welt). Jugendliche erreicht man so vermutlich nicht.

Nichtsdestotrotz sind die Seiten in Suchmaschinen sehr präsent. Unter dem Stichwort „Menschenrechte“ ist die Scientology-Tarnseite bei Google unter den ersten drei Ergebnissen. Wer seine Schulreferate aus Wikipedia zusammenkopiert und nach einer weiteren „Quelle“ sucht, der landet schnell bei der Sekte. Doch von dort bis zu einer Spende (bzw. einer Fördermitgliedschaft) ist es ein weiter Weg.

Was lernen wir daraus: Scientology ist im Internet zwar präsent, doch die Sekte wird dadurch nicht zwingend gefährlicher. Ihre Angebote sind für Jugendliche nicht attraktiv, sie erreichen nur eine geringe Resonanz und lassen sich mit Medienkompetenz und etwas gesundem Menschenverstand leicht enttarnen. Letztlich ist das die gute Nachricht.