Fünf Gerüchte über Irland

Über Irland und die Iren kursieren ja viele wilde Gerüchte. Ich war dort und habe fünf von ihnen vor Ort überprüft:

1. Die Iren sitzen den ganzen Tag nur im Pub

Das stimmt nicht: Die meisten irischen Pubs machen ja erst mittags auf. Dafür sind aber um 15:30 Uhr auch schon gerammelt voll. Zu Live-Musik und frisch gezapftem Guinness (Pint à  4,10 Euro) lassen es sich Touristen und Iren und irische Touristen in der Dubliner Innenstadt gut gehen. Der frühe Start der Festivitäten liegt an der Sperrstunde. Diese scheint zwar ausgesprochen flexibel zu sein (googelt mal „Sperrstunde in Irland“ – von 23:30 bis 1 Uhr nachts ist da alles dabei), aber die Stimmung kocht trotzdem meistens schon am frühen Abend richtig hoch. Die meisten Pubs sind ausgesprochen hell gestaltet, man könnte fast sagen familienfreundlich. Geraucht wird draußen, sehr angenehm!

2. Irland steckt in einer tiefen Rezession

Es scheint zumindest so. Der Renner in irischen Buchläden ist zurzeit Wirtschaftskrisen-Literatur. Gleich neben dem Regal mit Büchern über Hitler und Nazi-Großväter haben sich diese Werke breit gemacht. Von der Ursachensuche (“How Ireland really went bust”, “Who really runs Ireland?”, „How the Courts have exposed the Rotten Heart of the Irish Economy”) über intime Einblicke (“The rise the fall of one man, one bank and one country”, “Inside the Bank that broke Ireland”) bis zu Krisenbewältigungsbüchern (“Beyond the Crash”, “Enough is Enough. How to Build a New Republic”) ist viel Lesestoff für die kalten Wintertage dabei. Und wenn mal die Heizung ausfällt, kann man die dicken Krisenwälzer sicher prima auch dafür verwenden (alternativ auch Nazi-Revival-Literatur).

3. In Irland gibt es leckeres und günstiges Bier

Jein. Wer Schwarzbier mag, der kommt an Guinness in Irland natürlich nicht vorbei. Das kommt in praktisch jedem Pub frisch aus dem Hahn. Der Schaum des Bieres ist sehr feinporig, er ähnelt fast Milchschaum oder der Crema von einem guten Kaffee. Statt Milchbart also Bierbart! Die Krise mag Irland fest im Griff haben, auf die Bierpreise hat sich das bedauerlicherweise nicht ausgewirkt: Im Supermarkt werden 0,5-Liter-Dosen Guinness für 1,99 Euro schon als heißes Angebot gefeiert. Wer zum Viererpack greift, zahlt 7,99 Euro (was absurderweise sogar 3 Cent mehr sind). Der Unterschied zum gezapften Bier im Pub ist da gar nicht mehr so groß – was vielleicht auch die Popularität dieser Einrichtung erklärt.

4. Die Iren stehen auf Verbote

Ja, definitiv! An der Uferpromenade von Dun Laoghaire etwas außerhalb von Dublin waren nicht weniger als neun Verbote angeschlagen. Von 10 Uhr morgens bis 7 Uhr abends ist es verboten, Tiere gleich welcher Art (ausgenommen Blindenhunde) auf der Strandpromenade spazieren zu führen. Das gilt aber nur von Juni bis September. Ferner ist der Konsum von Alkohol verboten. Wer Müll weg wirft zahlt zwischen 150 und 3000 Euro. Lässt man die Haufen der ohnehin verbotenen Hunde liegen, kostet das ebenfalls 150 Euro. Tauchen ist ebenso verboten wie Angeln. Aufpassen muss man vor den großen Wellen der Autofähre (kein Witz!) und vor verborgenen Felsen im Wasser (die man beim Tauchen vermutlich sehen würde). Hab ich noch was vergessen? Ach ja, es gibt keine Rettungsschwimmer am Strand. Vermutlich hat David Hasselhoff gerade Urlaub. Um es kurz zu machen: Irland wäre vermutlich das ideale Reiseland für den größten Fan von strengen Regeln, den ich kenne, Gunnar Schupelius von der BZ. Das könnte mal eine sehr unterhaltsame Reisekolumne werden.

5. Die Iren sind prüde

Das kann ich nur bestätigen! Abends waren wir mal in der Hotelsauna. Wer nun denkt, hier könnte man ganz ungestört skandinavisch nackt saunieren, liegt falsch. Die Iren gehen nur in Badebekleidung in die Sauna, lassen dafür aber das lästige Handtuch weg und schwitzen lieber so die Bank voll. Ein Wunder, dass sie überhaupt die Badekappe dabei abnehmen, denn die ist im ganzen Schwimmbadbereich eigentlich auch Pflicht. Geduscht wurde in nicht einsehbaren Duschkabinen mit Sichtschutztür – die Umkleide war dann aber absurderweise offen einsehbar. Kann sein, dass wir nur zufällig in der prüdesten Sauna von Irland gelandet sind, aber das fand ich schon alles ziemlich schräg und nun ja, irgendwie irisch!

 

Blog mit Käse überbacken

Liegt es an meinen Schweizer Genen, dass ich beim Thema „Überbackener Käse“ innerlich gespalten bin? Klar, so ein Käse-Fondue ist schon lecker und auch ein Raclette ist eine schöne Sache. Aber muss man deshalb jedes Stückchen Käse, das man in die Finger bekommt reiben, rösten und zu einer klebrigen Masse einschmelzen?

Die junge Amerikanerin MacKenzie Smith scheint genau das zu tun – und sie bloggt darüber: Grilled Cheese Social heißt die Seite, auf der sie Rezepte für überbackene Sandwiches gibt. Ja genau, diese Dinger für die man normalerweise ein Stück 0815-Scheibletten-Käse zwischen zwei Toastbrot-Scheiben klemmt und sie dann im Sandwichtoaster zu einem dreieckigen Gebildete zusammenröstet.

Zugegeben, die Fotos ihrer Kreationen (Cranberry-Senf-Truthahnbrust, Grüne-Bohnen-Camembert) sind durchaus appetitanregend. Aber spätestens bei der Käseauswahl merkt man schnell, dass die USA einfach kein Käseland sind: Hinter Gouda, Cheddar und Brie kommt erst mal nicht viel. Und ein Greyerzer gilt schon als seltene Spezialität. Ein Schweizer kann darüber natürlich nur lachen. Andererseits, wage ich als Schmelzkäse-Laie zu behaupten, schmeckt man ohnehin kaum noch Geschmacksnuancen heraus, wenn der Käse erst mal in klebrigen Fäden am Toastbrot hängt und eine unheilvolle Allianz mit Chili-Ketchup und geröstetem Speck eingegangen ist…

Witzig geschrieben sind die Begleittexte zu den Rezepten. MacKenzie Smith erzählt dort kleine Anekdoten, etwa aus ihrem Uni-Leben: In den ersten Wochen im Wohnheim habe sie sich vor allem von Cornflakes, Erdnuss-Butter und Jelly-Sandwiches ernährt. Da habe ihr aber schnell die Abwechslung gefehlt: „But my palette and reputation were suffering; one can only go through the TacoBell drive-thru so much before they start to know you by name.”

Ja, schon wirklich tragisch! Aber erfindungsreich wie sie war, hat sie sich gleich eine kulinarische Alternative überlegt, die völlig ohne lästiges Gemüse auskommt und für deren Herstellung man nur ein Bügeleisen und etwas Alufolie benötigt: Grilled Cheese Iron Style – das vermutlich erste Bügeleisen-Sandwich. Allein schon wegen dieser heißen Kreation sollte man sich ihr Grilled Cheese Social-Blog einmal näher anschauen.

Ausflug ins Flippermuseum Schwerin

Früher stand in jeder Kneipe einer. Und auch auf vielen Campingplätzen gab es ihn. Wer eine D-Mark locker hatte, warf sie ein und war sofort umringt von anderen Kindern. Jeder wollte sehen, was hier gespielt wurde. Ja so ein Flipperautomat hatte schon damals eine magische Anziehungskraft. Und was ist heute aus den bunten Spielgeräten geworden? Man muss es so hart sagen: Der Flipper fristet ein Schattendasein, er ist reif fürs Museum.

Liegt es am Spielprinzip? Das ist über die Jahrzehnte praktisch komplett gleich geblieben. Man versucht eine Kugel mit Hilfe von zwei Flipperfingern auf einem abschüssigen Spielfeld möglichst lange im Spiel zu halten und durch das Abschießen von Zielen Punkte zu bekommen. Geht der Ball doch mal ins Aus, wackelt man kräftig am Gerät bis die Buchstaben TILT erscheinen. Dann ist zwar der Punktestand futsch, aber die Spieler-Ehre gerettet.

Wer heute gepflegt eine Runde Flippern will, der muss schon etwas länger suchen. Für Berlin listet die Seite flippern.de zwar dutzende Kneipen und Cafés auf – doch viele Geräte sind in schlechtem Zustand, sie stehen in dunklen Hinterzimmern oder sind inzwischen ganz ausrangiert worden (siehe auch mein Beitrag “Verschlossenes Paradies”).

Wer doch mal wieder eine ruhige Kugel schieben will (hoho!), der sollte sich das Flippermuseum in Schwerin einmal näher anschauen. Ein Ausflug dorthin lohnt: Mit dem Regionalexpress kommt man in etwa zweieinhalb Stunden in die mecklenburgische Landeshauptstadt und hält dabei zwischendurch noch in so spannenden Orten wie Glöwen, Rastow oder Sülstorf. In jeder Hinsicht ist diese Fahrt eine Zeitreise. Sie führt vorbei an verrammelten Bahnhofsgebäuden und grauen Ortschaften, die allesamt schon bessere Tage gesehen haben – was für viele Flipper ja leider auch irgendwie gilt. Da kann der Hauptbahnhof von Schwerin schon als Lichtblick gelten (ist er doch immerhin „Bahnhof des Jahres 2008“, wie eine Infotafel stolz verkündet).

Ohne Google Maps auf dem Handy hätten wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz sicher verlaufen und dann die vermutlich sehr schöne Altstadt Schwerins kennengelernt. So aber stolperten wir zielsicher auf einen Plattenbau in der Friesenstraße 29 zu, in welchem hinter schwarz verkleideten Wänden das Flippermuseum residiert.

In sechzehn verwinkelten, aber liebevoll gestalteten Räumen werden rund 80 Flipperautomaten ausgestellt. Wer sich ein Museum nach dem Motto „nur gucken, nicht anfassen“ vorstellt, liegt falsch. Rund ein Drittel der Geräte (Anzahl variiert) sind funktionstüchtig und laden zum unbegrenzten Freispiel ein.

Diese Chance ließen wir uns natürlich nicht entgehen und zockten uns durch die Jahrzehnte des Flippergeschichte: Angefangen von frühen elektromechanischen Geräten mit Relais über schrille Geräte aus den 70er Jahren bis hin zu einem der letzten modernen Flipper mit Display und Videoanimation („Revenge from Mars“) war alles dabei.

Unabhängig vom Alter der Geräte (und der Spieler) stellten wir schnell fest: Es gibt Flipper, die richtig Spaß machen und solche, die nach einem Spiel schon langweilen. An manche Automaten kehrten wir immer wieder zurück. So etwa Mata Hari, Viking oder Sinbad bei den elektromechanischen Geräten und Dracula oder Twilight Zone bei den Pinballs mit Digitaltechnik. Die Kugeln ratterten, die Punktestände klingelten – es war wieder wie früher auf dem Campingplatz!

Wir waren so vertieft ins Spiel, dass wir fast die Zeit vergaßen. Und das wo um 18:17 Uhr schon der letzte direkte Regionalexpress nach Berlin fährt. Also schnell noch ins Gästebuch eingetragen und dann auf zum Bahnhof. Im Zug dann die Erkenntnis: Blingbling, ratterratter, hat richtig Spaß gemacht.

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Mehr Videos vom Flippern gibt es im frisch eingerichteten Blogonade-YouTube-Kanal.

Und wer sich persönlich auch mal die Kugel geben möchte: Ab Berlin geht es mit dem Regionalexpress der Linie 4 (Wochenendticket nicht vergessen) oder mit Auto über A24 und A14 nach Schwerin. Das Flippermuseum liegt in der Friesenstraße 29 und hat zurzeit freitags ab 20 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 8 Euro für Erwachsene, Kinder ermäßigt 3 Euro. Auch für Geburtstage und Herrenabende kann man das Museum mieten.

Auf Seelenfang im Social Web


Screenshot von free-persoenlichkeitstest.de

Auf Facebook wird viel Werbung gemacht: Für Luxusvillen auf Fuerteventura, für Männerdeos, für Onlinespiele und seit Neuestem für Scientology. Auf den ersten Blick wirkt die Anzeige wie eine von vielen: „Erkenne dich selbst. Ein professioneller Test. Völlig kostenlos!“, steht dort. Ähnliche Psychotests kennt man aus Zeitschriften und von diversen Onlineseiten. Man beantwortet einige Fragen und erhält eine mehr oder weniger passende Einschätzung der eigenen Person, häufig in spaßhafter Form. Doch diese Testseite ist anders: Alle Antworten gehen direkt an Scientology.

Und die Sekte will so einiges von ihren potenziellen Neumitgliedern wissen: Nicht weniger als 200 (!) Fragen  gilt es zustimmend, neutral oder ablehnend zu beantworten. Klick für Klick verrät man so ziemlich viel über sich und seine Schwächen: „Haben Sie eher einen kleinen Kreis von engen Freunden, anstatt viele Freunde und flüchtige Bekannte?“ – „Ziehen Sie in einem Club oder einer Organisation, der Sie angehören, eine passive Rolle vor?“ – „Sind Sie zeitweilig ohne einen offensichtlichen Grund traurig und deprimiert?“

Andere Fragen wirken hingegen eher absurd und dienen offenbar dazu, von den wahren Zielen des Tests abzulenken. So lautet etwa Frage 3: „Blättern Sie einfach zum Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?“ – Klar logisch, wer tut das nicht ständig? Wobei es ja mittlerweile verdammt schwer geworden ist, überhaupt noch gedruckte Fahrpläne zu bekommen.

Am Ende möchte Scientology Berlin den vollständigen Namen, Alter, Geschlecht, E-Mailadresse und  Telefonnummer des Teilnehmers wissen. „Ihre Kontaktdaten werden nur verwendet, um Sie über das Testergebnis zu informieren und Ihnen eine persönliche Auswertung zu ermöglichen“, verspricht die Sekte. Ziel ist es offenbar, die Teilnehmer zu einem persönlichen Gespräch einzuladen. Dort wird einem dann erklärt, dass es natürlich gar nicht gut mit der eigenen Persönlichkeit steht. Nur einige Seminare bei Scientology können noch helfen…

Die Umfrageseite ist Teil der Social-Media-Strategie der Organisation. Die Sekte sei „auf dem Weg ins Kinderzimmer“, warnt der Verfassungsschutz. Mit Kampagnen wie „Jugend für Menschenrechte“ oder „Sag nein zu Drogen – sag ja zum Leben“ werbe sie gezielt im Social Web um Mitglieder. Und das häufig unter dem Deckmantel von gut klingenden Tarnorganisationen. „Sowohl mit offenen als auch verdeckten Nutzerprofilen geht ‘Scientology’ in Sozialen Netzwerken auf Kundenfang“, heißt es im Verfassungsschutzbericht.

Ob die aktuelle Werbekampagne bei Facebook wirklich erfolgreich ist, darf bezweifelt werden. Wer beantwortet online schon gerne 200 persönliche Fragen am Stück? Der Psychotest ist kaum auf das Medium Internet zugeschnitten. Wo andere Seiten mit Gutscheinen und glitzernden Gewinnen locken, bietet Scientology nur ein buntes Diagramm und ein Werbegespräch an. Nicht gerade das, worauf man als junger Social-Media-Nutzer gewartet hat. Die deutschsprachigen Scientology-Seiten bei Facebook haben eine recht überschaubare Fanbasis: So hat etwa die Gruppe „Jugend für Menschenrechte“ ganze 19 Mitglieder.

Auch die eigentlichen Kampagnenseiten zu Menschenrechten und Drogen wirken wenig ansprechend: Statt Interaktion gibt es synchronisierte Videoclips aus den USA und eine PDF-Broschüre zum Download. Deren Aufmachung mit spirituell-kitschigen Bleistiftbildern und der Schriftart Comic Sans wirkt wie aus einer anderen Zeit (oder Welt). Jugendliche erreicht man so vermutlich nicht.

Nichtsdestotrotz sind die Seiten in Suchmaschinen sehr präsent. Unter dem Stichwort „Menschenrechte“ ist die Scientology-Tarnseite bei Google unter den ersten drei Ergebnissen. Wer seine Schulreferate aus Wikipedia zusammenkopiert und nach einer weiteren „Quelle“ sucht, der landet schnell bei der Sekte. Doch von dort bis zu einer Spende (bzw. einer Fördermitgliedschaft) ist es ein weiter Weg.

Was lernen wir daraus: Scientology ist im Internet zwar präsent, doch die Sekte wird dadurch nicht zwingend gefährlicher. Ihre Angebote sind für Jugendliche nicht attraktiv, sie erreichen nur eine geringe Resonanz und lassen sich mit Medienkompetenz und etwas gesundem Menschenverstand leicht enttarnen. Letztlich ist das die gute Nachricht.

Ein klarer Schnitt


Der Chirurgie-Simulator 2011: Nachzeichnen…

Früher war die Welt der PC-Simulationen noch übersichtlich: Es gab Rennspiele, Flugsimulatoren und Städtebauspiele á la Sim City. Betritt man heute die Spieleabteilung eines mittelgroßen Technikmarktes, wird man förmlich mit Titeln aus dem Simulationsbereich erschlagen.

Das Gesundheitswesen ist eine der wenigen Branchen, die vom Simulationswahn bisher verschont geblieben ist. Doch mit der Ruhe in Krankenhaus und Wartezimmer ist es jetzt vorbei: Wer schon immer einmal Arzt sein wollte, der kann sich im Chirurgie-Simulator 2011 an acht verschiedenen Operationen probieren. Heute vielleicht mal einen Blinddarm entfernen, anschließend einen Leistenbruch behandeln und zum Abschluss noch mal so eine richtig schöne Unterschenkelfraktur? Der Chirurgie-Simulator verspricht „realistische OP-Bedingungen“ und „viele verschiedene Werkzeuge wie Appendixquetsche, Skalpell, Kompresse“. Die „spannenden Missionen“ des Spiels seien nur „mit kühlem Kopf und ruhiger Hand“ zu meistern.


…und ausmalen sind die Hauptaufgaben des Spiels.

In der Praxis gestaltet sich das allerdings eher dröge: So zeichnet man mit dem virtuellen Skalpell Linien nach oder sprüht mit der Desinfizierdose große Flächen rund um den Bauchnabel eines Patienten an. Das Ganze erinnert irgendwie an das Malprogramm Paint.

Dieses OP-Video auf YouTube zeigt in Echtzeit, wie im Spiel ein Blinddarm operiert wird. Rasieren, Desinfizieren, Aufschneiden. Linien nachzeichnen und Flächen ausmalen. Zwischendurch wirds auch mal gepflegt eklig. Dazu läuft, wie in jedem guten echten Operationssaal auch, die ganze Zeit klimpernde Fahrstuhlmusik.

Um es kurz zu machen, der Chirurgie-Simulator ist genauso unrealistisch, langweilig und lieblos gestaltet wie seine Kollegen im Technikmarkt. Was haben wir dort nicht schon alles gesehen: Da hätten wir Bus-Simulator, Kran-Simulator, Gabelstaplersimulator, Landwirtschafts-Simulator, Feuerwehr-Simulator, Notarzt-Simulator, Müllabfuhr-Simulator, Lieferwagen-Simulator, Abschleppwagen-Simulator, Tankwagen-Simulator, Holzfäller-Simulator oder Pistenraupen-Simulator. Und das ist nur eine Auswahl.


Schöne bunte Arbeitswelt: In den Spielen dominiert allerdings meist eher Steinzeit-Grafik.

Simuliert wird, was sich verkauft. Und die Spiele laufen anscheinend richtig gut. So sind die Online-Foren, etwa des Landwirtschafts-Simulators, rege besucht. Auf der Facebook-Fanseite wird demnächst der 22.000ste Fan begrüßt. Da stört es kaum, dass die Bewertungen in PC-Zeitschriften und auf Amazon regelmäßig unterirdisch sind und jedes Gameplay-Video auf YouTube eigentlich eine Warnung ist: Diese Spiele bitte nicht kaufen!

Warum also wollen Menschen in ihrem Feierabend mit dem Müllauto durch Polygon-Städte gondeln und dutzende Abfalltonnen einsammeln? Wo liegt der Reiz, mit einem Mähdrescher übers Feld zu fahren und Weizen zu ernten?

Vielleicht ist es das Bedürfnis nach Entspannung. Wo in Ego-Shootern scharf geschossen wird und im Echtzeitstrategie-Spiel die Panzer rollen, umgibt die Spielwelt der Simulationen eine unaufgeregte Ruhe. Die gezeigte Welt ist gewaltfrei und – sieht man von ein paar nicht abgeholten Mülltonnen und ein paar ungemähten Feldern einmal ab – praktisch ereignislos.

„Spiel ist etwas Heiteres. Es soll Freude machen!“, heißt es schon in Loriots berühmtem Skat-Sketch. Wo aber nichts passiert und dieses Nichts auch noch so unschön aussieht, da ist der Reiz des Spielens dahin. Dann lieber noch eine Runde Sim City.

Dieses iPhone kostet 2904 € (mindestens)

Die Verführung kommt in diesen Tagen ganz in grün daher. Die Lightboxes an den bus stops der Hauptstadt scheinen nur noch ein Motiv zu kennen. Die Littfaßsäule vor meinem Haus dreht es alle 56 Sekunden vorbei. “Es wartet auf dich”, haucht die Werbung. Zu sehen: Das iPhone 3GS. Das noch-“leistungsstärkste iPhone aller Zeiten”. Das ist einfach, weil es erst das zweite Handy dieses Typs ist und in diesem Jahr vermutlich schon ein noch schnellerer, stylischerer und gehypterer Nachfolger erscheinen wird. Ein runder roter Punkt hebt sich kontrastreich von dem Grün des Werbeplakates ab. Es ist das Preisschild: 1 Euro mit Sternchen.

Handyverträge sind ja generell eine Spielwiese für Sternchen, Fußnoten, Versprechen und Ausschlüsse, Preislisten und Haftungsbegrenzungen. Ich habe Handyverträge gesehen, die hatten mehr Fußnoten als so manche Bachelorarbeit. Hinzu kommen schwurbelige Formulierungen, die so klingen als wäre alles inklusive und am Ende kosten diverse Extras (wie der Name schon sagt) extra. Die Verlockung ist trotzdem da: Gibt es diesmal vielleicht etwas geschenkt?

Natürlich nicht! Die Kosten des 1-Euro-iPhone verstecken sich nicht hinter dem großen Display des Kommunikationsknochens, sondern im Kleingedruckten: Die Grundgebühr für den Tarif Complete L beträgt fast 120 Euro (!) pro Monat, hinzu kommt noch die Anschlussgebühr. Dafür bekommt man eine Flatrate in alle Netze, 3000 Inklusiv-SMS (die wohl kaum jemand verbrauchen wird), 100 Inklusiv-MMS und eine Flatrate für das Internet. Fast alles inklusive also. Aber zu welchem Preis?

Rechnen wir mal zusammen, was das 1-Euro-iPhone von mobilcom-debitel tatsächlich kostet:

119,95 Euro x 24 Monate
+ 25,95 Euro Anschlussgebühr
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gesamt: 2904,75 Euro
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Mit mehr als 2900 Euro kann man eine Menge anstellen: Man kann in so ziemlich jedes Land der Erde fliegen und dort ziemlich lange Urlaub machen, man kann sich einen Gebrauchtwagen zulegen oder sich für die nächsten acht Jahre jeden Tag ein Eis am Kiosk gegenüber kaufen. Oder man legt sich ein Handy zu, dass in weniger als einem halben Jahr vielleicht schon zum alten Eisen gehört. “Es wartet auf dich”, haucht die Werbung. Und ich sage: “Da kannste warten bis dein Display schwarz wird!”