Karstadt und Cognac

Altherrendrink? Schon Napoleon soll gerne Cognac getrunken haben. (altes Werbeposter. Reproduktion: Classic Film / Flickr.com)
Altherrendrink? Schon Napoleon soll gerne Cognac getrunken haben. (altes Werbeposter. Reproduktion: Classic Film / Flickr.com)

Man kann vieles sagen, aber nicht, dass sich Karstadt nicht alle Mühe gibt, seine wirklich guten Abteilungen zu verstecken. So etwa das Perfetto, jene hinreißend altmodisch wirkende Mischung aus Gourmetladen und Supermarkt, die unter dem Neuköllner Hermannplatz verborgen auf Kunden wartet. Wer sich oben durch „Wow-Sale“-Ständer mit Mode aus den letzten zwei Jahrzehnten kämpft, kriegt vermutlich gar nicht mit, dass sich unter der Erde ein Schlaraffenland der Köstlichkeiten befindet.

Die natürlichen Stärken von Perfetto liegen dort, wo die normalen Supermärkte schwächeln: Es gibt exzellenten Schinken und Salami, eine Fleischtheke mit Kalb und Weidelamm und jede Menge würzige Bergkäse für eine Brotzeit oder ein Käsefondue. Und es gibt eine Spirituosenabteilung mit einer erstaunlich breiten Auswahl an Whisky und Rum. Genau hier war es, dass ich letztens über einen Angebotsständer mit Cognac stolperte, der wohl schon auf das Weihnachtsgeschäft wartete.

Karstadt und Cognac – das passt perfekt zusammen. Beide haben einen leicht ältlichen Charme, sind schon lange nicht mehr Trend und haben sich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht verändert. Cognac der Altherrendrink, Karstadt das Altherrenkaufhaus. Doch machen wir es uns damit nicht zu einfach? Die Qualität des Cognacs liegt ja gerade im Alter. Über viele Jahre reift er im Holzfass, wird immer noch besser. Und sicher würde uns Genießern auch etwas fehlen, wenn er plötzlich nicht mehr da wäre. Genauso auch das Karstadt: Wo würde ich hingehen, wenn es die Filiale am Hermannplatz mit ihrer großen Haushaltswarenabteilung und mit dem Perfetto im Tiefgeschoss nicht mehr gäbe?

Der Vergleich von Karstadt und Cognac stimmte mich so wehmütig, um ein Haar hätte ich mir den Weinbrand und noch zwei gute Cognacschwenker dazu gekauft. Um anzustoßen auf dieses Kaufhaus. Und auf die große Auswahl. Ich habe es dann doch bei 150g Serrano-Salami und einem Stück Greyerzer-Käse belassen. Gestern habe ich gesehen, dass es den Schweizer Käse inzwischen auch bei LIDL gibt. Harte Zeiten für Karstadt. Auch Napoleon auf seinem weißen Pferd sollte sich besser warm anziehen. Oder noch einen Schluck Cognac trinken. Denn merke: Das wärmste Jäckchen ist immer noch das Kognjäckchen.

Das Leben als Groschenroman

Ob Hundemagazine, Jägerzeitschriften oder Feng-Shui-Hefte: Die Zeitungsläden sind voll von ziemlich schrägen Druckerzeugnissen. Einige stelle ich ja hin und wieder in meiner Rubrik „Im hinteren Regal“ vor. Aber wieso gibt es im Internet eigentlich noch keine gesammelte Liste der skurrilsten Zeitschriften? Das wäre doch mal witzig. Das Betroffenheits-Magazin „Meine Schuld“ vom Groschenheft-Verlag Keller würde in jedem Fall mit auf diese Liste gehören. In der trashig aufgemachten Zeitschrift erzählen Frauen von (angeblich) wahren Schicksalen. Die Ehe ist gescheitert, die Kinder werden zu Satanisten und Opa schiebt die Oma ins Altersheim ab. Von dieser Art sind die Lebenskrisen, die hier behandelt werden. Die Berliner Journalistin Juliane Wiedemann hat das Heft in ihrem Blog untersucht. Aber lest ihre lustige Rezension am besten selbst.

Dein Bahnhof – Das Magazin aus Berlin

Ich persönlich habe ja kein besonders inniges Verhältnis zu meinem Bahnhof. Ich fahre hin, kaufe eine Fahrkarte und steige in den Zug. Ab und zu ärgere ich mich auch noch über eine Verspätung, aber das war es dann auch schon in Sachen Bahnhof. Woran ich beim Bahnhof nicht denke, ist das Thema Einkaufen.

Genau das möchte die Bahn gerne ändern: „Dein Bahnhof – Das Magazin der Berliner Bahnhöfe“ heißt ein kostenloses Kundenheft. Vom Cover haucht einen eine junge Frau verheißungsvoll an (Ein Hinweis auf die Temperaturen in den meisten Bahnhöfen?) und im Editorial heißt es: „Die Berliner Einkaufsbahnhöfe stellen hier einmal im Quartal die vielfältigen Angebote in und um den Bahnhof vor – wie z.B. spannende Veranstaltungen oder die attraktiven Angebote aus den Bereichen Gastronomie und Einzelhandel in den Bahnhöfen.“

Es geht also um‘s Verkaufen, die Fahrgäste sollen Geld ausgeben beim Warten auf den Zug. Und die Bahn hat sich einiges einfallen lassen, um ihre Berliner Bahnhöfe in der Vorweihnachtszeit zu wahren Shopping-Magneten zu machen. O-Ton Editorial: „In Ihren Berliner Einkaufsbahnhöfen ist auch im Winter eine Menge los: Dazu zählen Pianoklänge im Bahnhof Zoo und ein Weihnachtsbaum der ganz besonderen Art im Berliner Hauptbahnhof.“

Ist ja der Wahnsinn: Im Bahnhof Zoo tanzen Penner zu Klaviergeklimper vom Band im Takt und im Hauptbahnhof steht ein kitschig glitzernder Tannenbaum. Da ist schon wirklich eine Menge los. Muss ich mir glatt überlegen, ob ich so viel Erlebnis an einem Tag überhaupt verkraften kann.

Aber „Dein Bahnhof“ hat noch mehr Themen: So werden etwa verschiedene Bahnhofsbäcker vorgestellt. Die „verwöhnen“ ihre Kunden zurzeit mit „Baumkuchen oder Weihnachtsstollen“. Wobei es mit dem Verwöhnen nicht weit her ist, denn es handelt sich um die üblichen Aufbackstuben, die sich mittlerweile an jeder größeren Straßenkreuzung breit gemacht haben. Auf dem einen Foto sieht man sogar den Elektroofen im Hintergrund, mit dem die vorgeformten Teigrohlinge in Brötchen und Brot verwandelt werden.

Dennoch wird das Magazin nicht müde, auch hier die Vorzüge zu betonen: „BackWerk im Bahnhof Zoo bietet dem eiligen Kunden einen besonderen Service. Dort dürfen sich alle, ob Naschkatzen mit einem Faible für Süßes oder Freunde deftiger Backkunst, im Backshop selber bedienen.“ Was für ein Service: Statt Bedienung an der Theke muss ich mir die zuckrigen Mohnschnecken selbst auf’s Tablett legen und an die Kasse bringen.

Weiter geht es mit Berichten über die Bahnhofsapotheken („Bei Apotheker Michael Marquardt reicht der Service sogar bis zur Kosmetik-Beratung“), über Änderungsschneidereien und Uhrenläden („Dienstbare Geister“) und wertvollen Tipps für weihnachtliche Getränke („Ein guter Glühwein […] wird heiß getrunken“).

Auf Seite 22 erzählt die Rubrik „Flüchtige Begegnungen“ kuriose und witzige Geschichten aus den Berliner Bahnhöfen. Die Leser sind aufgefordert eigene Erlebnisse einzusenden. Und die verraten mehr über die Servicekultur bei der Deutschen Bahn, als dem Unternehmen eigentlich lieb sein kann.

So schreibt etwa Herr Hinze aus Berlin-Mitte: „Ich fuhr mit dem Nachtzug nach Freiburg. Leider alleine, da ein Freund kurzfristig abgesagt hatte. So hatte ich zwei Fahrkarten. Als der Schaffner kontrollierte, hatte eine junge Koreanerin Probleme. Sie hatte zwar ihre Tickets dabei, nicht aber die dazugehörige Visa-Card zur Bestätigung. Ich hörte dies, ging hin und fragte, ob es auch in Ordnung sei, wenn sie meine freie Karte in Anspruch nähme. Es war möglich. Die Mitfahrer bedankten sich und sagten: ‘Wir dachten, Hilfsbereitschaft gebe es nicht mehr.’“

Was lese ich als Kunde da raus: Die Bahn beharrt auf ihren engstirnigen Bestimmungen. Von Kulanz beim Zugbegleiter keine Spur. Die Situation löst sich nur dadurch auf, dass ein fremder Fahrgast doppelt bezahlt. Ungünstiger kann Eigen-PR nicht aussehen.

„Dein Bahnhof“ ist mutig, dass es solche Geschichten aus der Servicewüste frei heraus erzählt. Vielleicht liest bei der Bahn aber auch einfach niemand besonders aufmerksam das extern bei Axel Springer produzierte Magazin. Das wäre jetzt kein schönes Fazit, deshalb schreibe ich lieber noch eines.

Fazit: Dein Bahnhof versucht uns weihnachtliche Musik und einen Tannenbaum als großes Eventprogramm zu verkaufen, lobt die 08/15-Bahnhofsbäcker in den Service-Himmel und gibt uns Glühweintipps, die gar keine sind. Kurz, es macht das, was unzählige andere PR-Magazine auch machen. Eine willkommene Abwechslung ist da die Seite mit den Kundenberichten: Wirklich sympathisch werden uns Bahn und Bahnhöfe dadurch zwar nicht, aber immerhin hatten wir was zu lachen.

Dein Bahnhof – Magazin der Berliner Bahnhöfe hat 36 Seiten und liegt in den „Einkaufsbahnhöfen“ der Deutschen Bahn aus. Im November ist die dritte Ausgabe erschienen. Auf der Onlineseite gibt es auch ein Gästebuch (mit aktuell 11 Einträgen).

Dogs today – Das Hundetrendmagazin


In der Blog-Reihe ‘Im hinteren Regal’ nehme ich Magazine in die Hand, die im Zeitschriftenladen ganz hinten liegen und ein Schattendasein fristen. Diesmal: Die Dogs today

Die bunte Gestaltung und das handtaschenkompatible Format lassen die Dogs today auf den ersten Blick wie eine ganz normale Frauenzeitschrift wirken. Wären da nicht der hechelnde Hund auf dem Cover und seine zahlreichen Artgenossen im Inneren des Heftes. Dogs today zielt auf trendbewusste Hundebesitzerinnen, die ihren kleinen Lieblingen gerne modische Accessoires kaufen und sich für Klatsch und Tratsch rund um die Hunde der Stars (also B- und C-Promis um genau zu sein) begeistern können. Kurz: Dogs today ist eine Frauenzeitschrift – nur mit ziemlich viel Hund drin.

Auf Grund der kleinformatigen Gestaltung des Heftes (ungefähr DIN A5) sind die meisten Artikel in der Dogs today so kurz wie der Stummelschwanz eines Pudels. Tiefgehende Reportagen finden sich weniger, längere Texte sind um zahlreiche Fotos ergänzt, was den boulevardigen Charakter des Magazins unterstreicht. Die Themen in der Januar/Februar-Ausgabe (Dogs today erscheint zweimonatlich) lauten unter anderem Dogs and the city – Ein Hundeleben in New York, Urlaub mit Hund (15 angeblich ausgefallene Reiseideen), Albtraum Hundeallergie und Kulthund Mops („Seine Geschichte, seine Karriere, seine Fans“). Dazu gibt es Tipps zu Ernährung und Gesundheit und ein Hunderezept. Also nicht ein Rezept mit Hund als Zutat, sondern ein Rezept, was sowohl Hund als auch Herrchen schmeckt. In dieser Ausgabe: Wildlachs mit Pellkartoffeln und Senf-Dill-Sauce (für den Hund alles außer Kartoffeln und ungewürzten Wildlachs weglassen).


“Ohh ist der süüß!” – Der Niedlichkeitsfaktor der Dogs today ist ausgesprochen hoch.

Etwas merkwürdig mutet die Eigenart der Dogs today an, verschiedene Hunderassen als modische Trends zu präsentieren. Da wird der Titelhund „Australian Shepherd“ als perfekter Hund für „aktive, sensible UND flexible Menschen“ vorgestellt. Zwei Seiten weiter finden sich Alternativen zu dem „Modehund“. So heißt es zum Kurzhaar-Collie etwa: „Diesen Hund gibt es auch in Merle-farben, und er ist sportlich wie der Aussie.“ Zahlreiche putzige Hundefotos und die Vorstellung trendiger Accessoires (Brustgeschirr, Hundeleine) verstärken den Eindruck, dass es beim Hund auch und vor allem auf das Aussehen ankommt.

Und dann findet man in dem 144-seitigen Heft doch noch so etwas Ähnliches wie Reportagen. Interessanterweise scheint gerade die neue Volontärin, Valérie Augustin, für Außenberichte zuständig zu sein. So begibt sie sich etwa zu den tätowierten Tierschützern von Rescue Ink, die gerade in einem Münchner Tierheim auf Promotour für ihre gleichnamige TV-Reality-Serie sind. „Riesige Kerle, gewaltige Muskeln mit Tattoos übersäht und eiskalte Mienen“, verspricht Valérie Augustin und hält sich dabei ziemlich genau an die PR-Ankündigung der Serie („Acht grimmig dreinblickende harte Kerle auf ihren Harleys, jeder von ihnen von Kopf bis Fuß tätowiert – das verheißt nichts Gutes.“).


Die Volontärin wird von den “harten Kerlen” auf den Arm genommen (oben rechts).

Mehrfach finden sich in ihrem Artikel Verweise auf die Knast-Vergangenheit der „schweren Jungs“. So heißt es, die muskulösen Männer hätten „eine zweite Chance im Leben“ bekommen. Big Ant, einer der Anführer von Rescue Ink, verkündet die tiefgründige Weisheit: „Aus einer Gefängniszelle heraus kann man keine Tiere retten.“  Und die Autorin legt nach: „Tierquäler haben nichts zu lachen, wenn die Kerle von Rescue Ink vor der Tür stehen.“

Hart und illegal? Brutal, aber legal? Um diese eigentlich spannende Frage drückt sich der Artikel leider. Die Verweise auf die Vergangenheit und das aktuelle Vorgehen der offenkundig radikalen Tierschutzgruppe werden nicht genauer erläutert. Man hätte durchaus fragen können, wie weit Tierschutz gehen darf und/oder ob die Macher von Rescue Ink ihre harte Aufmachung vielleicht nur nutzen, um ein fernsehkompatibles Format zu produzieren. Auch ihr Leitmotto („Zero tolerance“) bleibt unhinterfragt. So geht der Artikel leider nicht viel über eine bloße Ankündigung der Serie hinaus. Dass die Kollegen von HalloHund.de es auch nicht viel besser hinbekommen haben, tröstet da kaum (die Fotomotive sind zudem in beiden Veröffentlichungen praktisch identisch).


Redaktioneller Artikel oder geschickt getarnte Schleichwerbung? Nicht immer wird das in der Dogs today klar.

Die Dogs today finanziert sich nicht nur über ihren Verkaufspreis von 3,50 Euro, sondern auch über Anzeigen. Soweit nichts Ungewöhnliches. Leider finden sich aber auch Anzeichen für Schleichwerbung, also bezahlte redaktionelle Inhalte im Heft: Da wirbt die Tiermarktkette Futternapf auf der ersten Innenseite des Magazins mit ihrem 20-jährigen Bestehen, auf Seite 65 in einer weiteren Anzeige für ihr Biofutter und wird im Gegenzug auf Seite 123 redaktionell erwähnt. Das dort empfohlene, angeblich besonders verträgliche Hundefutter Select Gold ist eine Hausmarke von Futternapf und wird nur in den Läden der Kette verkauft.

Auf den Seiten 32 bis 35 werden trendige Produkte für Hunde redaktionell vorgestellt. In jeder Beschreibung gibt es einen Link zu einem Onlineshop, wo man Halsband, Brustgeschirr oder Futternapf bestellen kann. So werden zum Beispiel dogscout24.com und zenger.biz je zweimal erwähnt, the-royal-dog-and-cat.de, hundskerle.de und v-i-pets.de je einmal. „Rein zufällig“ werben die genannten Shops auf den 93 bis 95 mit kleineren Anzeigen. Bei insgesamt 17 vorgestellten Produkten wird neun Mal auf Versandshops verwiesen, die weiter hinten werben. Das ist mehr als die Hälfte.

Fazit: Dogs today hilft einem, in die Perspektive einer modernen Hundebesitzerin zu schlüpfen. Ok, einer ziemlich trend- und modeverrückten Hundebesitzerin. Einer, die vermutlich alles für ihren Fiffi tun würde – sogar ihn mit kitschigen rosa Perlenhalsbändern zu behängen. Aber immerhin. Der Preis für diesen ungewohnten Einblick sind die knappen und bisweilen meinungsarmen Artikel und der fast vollständige Verzicht auf eine kritisch-hintergründige Recherche. Positiv fällt das verspielte Layout auf, auch die Hundefotos sind überwiegend sehr niedlich (und das sage ich als Nicht-Hundeverrückter). Unangenehm fiel die bisweilen fehlende Trennung von Werbung und Redaktion im Heft auf.

Dogs today – Das Hundetrendmagazin hat 144 Seiten, erscheint alle zwei Monate im Gong Verlag und ist in gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich (z.B. Hamburg Hbf.) Eine Ausgabe kostet 3,50 Euro.