02. März 2011 ~ 1 Kommentar

Mein Ärger: Gunnar Schupelius geht

Auch der größte Ärger geht irgendwann vorbei:  Der Journalist Gunnar Schupelius wechselt zum 1. April von der Boulevardzeitung BZ ins Hauptstadtbüro des Focus. Damit endet wohl auch seine BZ-Meckerkolumne „Mein Ärger. Der gerechte Zorn des Gunnar Schupelius“. Das finden wir sehr schade.

Was Franz-Josef Wagner für die BILD ist, war Schupelius für die BZ. Wo Wagner große moralische Themen diskutiert und und steile Thesen wagt, ärgert sich Schupelius über Graffiti auf seinem U-Bahnhof oder die teuren Eintrittspreise im Fernsehturm.

Besonders gerne schimpft Schupelius dabei über Linksradikale, gewalttätige Teenager und Migranten. Eben die Gruppen, die seine Leser auch nicht gerne mögen. Seine konservativen Standpunkte machen sich gut in jeder Eckkneipe.

Was sich in der gedruckten Zeitung wie kleinbürgerliche Entrüstung liest, wird in der Videokolumne erst zum launigen Spektakel. Schupelius posiert mal hinter seinem Schreibtisch, mal im Großraumbüro der BZ und liest seine Kolumne ab. Um es klar zu sagen: Schupelius ist kein besonders guter Vorleser. Er ist grottenschlecht. Er verhaspelt sich in seinem verschachtelten Satzbau. Er verliert sich in Nebenschauplätzen. Nicht immer steht am Ende eine Pointe. Manchmal wussten wir hinterher nicht einmal, worüber Schupelius sich eigentlich geärgert hat. Das ist man vom Berliner Boulevard anders gewöhnt.

Und auch technisch wirkt die Videokolumne eher hausbacken: Mal ist das Bild farbstichig, dann ist Schupelius unscharf oder man versteht ihn schlecht, weil seine Kollegen im Hintergrund lautstark quatschen.

Über die Jahre sind Schupelius allen Widrigkeiten zum Trotz einige komödiantische Highlights geglückt. Wir blicken wehmütig zurück.

Die sechs lustigsten Mein-Ärger-Kolumnen:

1. Im Supermarkt fahren wir uns ständig an den Wagen

Die Stimmung in den Berliner Supermärkten ist „angespannt“, ja „leicht aggressiv“. Ständig krachen Einkaufswagen ineinander („auf dem Weg von der Eingangstür bis zur Kasse mindestens 20-mal“). Wichtigster Grund: Beim Einkaufen gibt es zu wenig Regeln! Und Schupelius wäre nicht Schupelius, wenn er nicht schon ein paar Ideen hätte: Parkverbot vor dem Kühlregal, Wartebereich vor dem Fleischer, kleine Rastplätze wo man in Ruhe seinen Einkaufszettel lesen kann und natürlich ein Tempolimit gegen Raser. Vor der Kasse dürfte es nur eine Schlange geben, sonst „kommt es zu fürchterlichen Kämpfen“. Wer es bis jetzt noch nicht wusste: Einkaufen ist Krieg. Und Besserung keineswegs in Sicht: „Früher hat es vielleicht Höflichkeitsformen gegeben. Da hat man sich vielleicht lächelnd den Weg freigemacht.“, erinnert sich Schupelius und schiebt nach: „Aber das ist lange her.“

2. Von Autonomen vertrieben

Schupelius hat Feindkontakt! Bei einem Gespräch mit Innensenator Erhard Körting nähern sich den beiden plötzlich junge Frauen und Männer. Sie trugen schwarze Lederjacken, die  „Uniform der Autonomen“. Körting springt auf und rennt zu seinem „rettenden Dienstwagen“. Schupelius selbst bleibt zurück („das war sehr ungemütlich“). Er schluckt dramatisch. Wenn man genau hinschaut scheint er derangierter als sonst. Der Hemdkragen schief, der Fokus der Kamera fürchterlich unscharf. Dann der Zorn: „Kann es eigentlich sein, dass ein zusammengelaufener Haufen von Krawallbrüder darüber entscheidet, ob wir uns mit einem Politiker von der SPD in einem Lokal in Friedrichshain treffen?“ Das ist natürlich eine ziemlich konkrete und lange Frage. Er spitzt noch mal zu: „Ist es so, dass bestimmte Leute in diesem Bezirk die Straße beherrschen?“  Jetzt wären natürlich radikale Forderungen angebracht, Schupelius aber sagt: „Das hinterließ bei mir ein sehr unangenehmes Gefühl“. Trotzdem eine der actionreichsten Folgen.

3. Wie viele Waggons werden pro Tag repariert? Darauf gibt mir die S-Bahn keine Antwort!

Bei der Berliner S-Bahn platzt Schupelius der Kragen: Es fahren fast keine Züge mehr, 24 Bahnhöfe sind komplett zu und die Straßen der Stadt so voll sind wie nie zuvor. „Die Verzweiflung wächst“, sagt Schupelius und legt die Stirn in Sorgenfalten. Und dann gibt sich auch noch der Pressesprecher der Bahn wortkarg: „Wie viele Waggons werden pro Tag repariert?“, fragt Schupelius um 10 Uhr und erhält um 16 Uhr die Antwort „weiß ich nicht“. Und auch auf diverse andere Fragen erhält er keine Antwort. Wenn das stimmt, wirft es natürlich kein gutes Bild auf die Presseabteilung der S-Bahn. „Mit Verlaub so geht es nicht. So lass ich nicht mit mir umgehen!“, donnert Schupelius und lobt Vorstöße einer grünen Abgeordneten, die Sache gerichtlich klären zu lassen. Starkes Stück!

4. Warum trinken jetzt alle aus der Flasche?

In dieser Folge ärgert sich Schupelius über Menschen, die aus Flaschen trinken. Das ist erst mal ein ziemliches Sommerlochthema – sowas kann man sich wahrscheinlich nur als Chefreporter der BZ leisten. Hört man ihm länger zu, dann stößt man schnell auf den Kern all seiner Kolumnen: Schupelius sehnt sich nach Ordnung – alles, auch die Banalitäten des Alltags müssen bei ihm geregelt werden: Ganz sicher ist er sich mit seinem Ordnungszwang aber nicht, deshalb fragt er: „Ist es übertrieben wenn ich sage, dass es mich stört, wenn jemand neben mir gekonnt aus der Flasche trinkt?“ Danach räumt Schupelius zwar ein, Wasser sei wichtig, aber man brauche es nicht immer überall und Cola solle man nicht „beim Laufen saufen“. Schupelius appelliert an „die jüngere Generation“, die sich offenbar nicht mehr an die „bürgerlichen Regeln des Trinkens“ erinnert. Und überhaupt: Aus einem Becher oder einer Tasse zu trinken, dass sehe doch viel eleganter aus.

5. Der Kinospot der Linkspartei

Schupelius ist „zutiefst beunruhigt“ über den Kinospot der Linkspartei zur Europawahl. Hastig referiert er den Inhalt: Eine Villa bei Nacht, schöne Gründerzeitmöbel sind zu sehen, auf dem Tisch eine Rolexuhr und eine halb geleerte Champagnerflasche. Plötzlich knallt es, man hört Scherben fallen. Ein großer Pflasterstein fliegt auf einen Schreibtisch aus Eichenholz. Der Text dazu: „So besser nicht. Lieber so: Am 7. Juni: Die Linke“. Diese Szene macht den Spot „absolut unerträglich“ für Schupelius. Für ihn verbirgt sich dahinter mehr als eine Sachbeschädigung: „Einen Stein aus dem Hinterhalt durch ein Fenster auf einen Schreibtisch zu schleudern, das ist mehr als ein Angriff auf fremdes Eigentum, das ist ein Mordanschlag auf den, der vielleicht an dem Schreibtisch sitzen könnte.“ Schockiert fügt er hinzu: „Wer dazu sagt: So besser nicht, der kann nicht ganz klar im Kopf sein.“ Das ist nicht gerade logisch, aber unterhaltsamer als der Spot selbst.

6. Randalierende Teenager

Schupelius schildert eine zerstörerische Odyssee: 40 Jugendliche versammelten sich  erst grölend am U-Bahnhof Tegel, fuhren dann mit dem Bus nach Hermsdorf, beschmierten ihn dort und zertraten anschließend Laternen, Werbetafeln und Schaufenster. Dann fuhren die Vandalen mit der S-Bahn nach Frohnau, um dort „ihr Werk fortzusetzen“. Ja, was soll man in Hermsdorf und Frohnau auch schon viel anderes machen. Doch Schupelius ist schockiert: Die Jugendlichen „kamen aus guten Elternhäusern“. Er legt nach: „Diesen Kindern geht es besser als allen anderen Kinder vor ihnen in der Weltgeschichte“  und dennoch würden sie jeden Freitag  „aggressiv, gewaltätig, randalierend“ losziehen. Schupelius kennt den Grund: Kindern würden keine Grenzen mehr gesetzt. Kulturpessimistisch ergänzt er, schon 10-Jährige würden heute Pornos im Internet schauen, während sich  13-Jährige dem flaschenweisen Wodkasaufen verschrieben hätten. Da ist die Karriere als Randalierer natürlich klar vorgezeichnet. Im Kern geht es erneut um das Lieblingsthema von Gunnar Schupelius: Ordnung, Regeln und Verbote.

von Laurence Thio und Lukas Bischofberger

One Response to “Mein Ärger: Gunnar Schupelius geht”

  1. Werner Hays 7 Februar 2012 at 18:17 Permalink

    Wenn es zum qualifizierten Journalismus nicht reicht, muss er sich halt sonst irgendwie in Szene setzen. Aktuell zieht Herr Schupelius über BER-Flughafengegner her, die mit ihren Demonstrationen das Image Berlins schädigen. Sein Chefredakteur sollte sich mal besser darüber Gedanken machen, ob er sich mit einem prolligen Stammtisch-Schreiberling nicht eher den Ruf seiner Zeitschrift beschädigt.


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