Münze rein, Münze raus

Vorhängeschloss bitte selbst mitbringen: Schwimmbad-Schränke in Südafrika (Damien du Toit / Flickr)

„Oh, ich wusste gar nicht, dass das Geld wieder rauskommt.“ Der Mann mittleren Alters wirkt ehrlich erstaunt. Dann bedankt er sich und nimmt den Euro, den ich ihm aus dem Münzrückgabefach seiner Schranktür im Stadtbad Charlottenburg reiche. Er blickt nachdenklich auf das Geldstück, dreht sich dann um und läuft langsam in Richtung Ausgang.

Ich bin verblüfft. Dass man seinen Euro aus der Garderobenschranktür im Schwimmbad nach der Benutzung zurück bekommt, ist doch eigentlich nichts Besonderes. Das ist doch in allen Berliner Schwimmbädern so und zwar solange ich denken kann. Vor dem Schwimmen wirft man eine Münze ein, schließt den Schrank und zieht den Schlüssel ab. Nach dem Schwimmen kommt man zurück, schließt auf und durch die Drehung fällt auch die Münze zurück ins Ausgabefach. Ein einfacher, aber erfolgreicher Mechanismus, der verhindert, dass jemand sich 100 Schränke nimmt oder mit allen Schlüsseln abhaut.

Einige wenige Ausnahmen mag es geben: In manchen Bädern fädelt man seine Eintrittskarte in das Fach ein und in manchen Thermen gibt es mittlerweile (ganz modern) einen elektronischen Chip, den man am Handgelenk trägt. Und es gibt die ganz schäbige Variante des Freibades Olympiastadion, wo man sein eigenes Vorhängeschloss mitbringen muss. Ansonsten gilt: Von Spandau bis Marzahn wirft man vor dem Schwimmen einen Euro ein und bekommt ihn nach dem Schwimmen zurück.

Und in anderen deutschen Städten ist es ganz genauso. Hamburg, Chemnitz, Kaiserslautern. Der Mechanismus ist überall der Gleiche. Von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen werden Münzen eingeworfen und nach der Benutzung wieder entnommen.

Dass der Mann das nicht wusste, erstaunt und verwundert. Und es bekümmert: Wer weiß, wie lange der Mann schon in Schwimmbäder gegangen ist, ohne zu wissen, dass er nach dem Besuch seinen Euro aus dem Schrank zurückbekommt. 5 Jahre, 10 Jahre, 20 Jahre? Einmal pro Monat oder sogar einmal pro Woche? Jedes Mal ging er davon aus, dass der Schrank halt einen Euro (oder manchmal sogar zwei Euro) extra kostet. Man will sich das gar nicht so genau ausrechnen…

Früher habe ich mich immer riesig gefreut, wenn ich in einem leeren Schwimmbadschrank noch eine Münze gefunden habe. Es kam selten genug vor und meistens auch nur dann, wenn man nicht damit gerechnet hat.  Jetzt weiß ich von wem diese vergessenen Münzen stammen. Es tut mir leid lieber Mann im mittleren Alter, aber ich habe alles in Pommes rot-weiß und Eis am Stiel angelegt.

One thought on “Münze rein, Münze raus

  1. Oh, Du armer Mann mittleren Alters!

    Welch Irrtum, welche Verschwendung.

    Hat ja beinahe tragische Ausmaße.

    Was für ein gefühliger Text, Lukas.

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