Street-Art: Kaugummi-Automaten und Briefkästen ohne Ende

Dass Kaugummi-Automaten seit meiner Kindheit einen besonderen Reiz auf mich ausüben, hatte ich an anderer Stelle ja schon erwähnt. Deshalb habe ich mich auch besonders über diese Street-Art-Collage in meiner Nachbarschaft (Paul-Lincke-Ufer beim Bouleplatz) gefreut. Hunderte Kaugummi-Automaten hat dort jemand auf Poster gedruckt und nebeneinander geklebt. Von weitem sieht man erst gar nicht was es ist. Die grobe Struktur macht neugierig. Erst wenn man näher kommt, sieht man die Automaten.

Mit der Kaugummi-Automaten-Collage macht der unbekannte Street-Art-Künstler zudem Dinge sichtbar, die wir im Alltag häufig übersehen. Allein auf meinem Weg zum Supermarkt laufe ich schon an zwei bis drei Kaugummi-Automaten vorbei. Man nimmt sie nur aus dem Augenwinkel wahr, viele sind mit Graffiti beschmiert oder haben anderweitig gelitten. Sie stehen in der fahlen Wintersonne und warten auf kleine Kundschaft. Doch wie selten sieht man jemanden ein zehn Cent Stück einwerfen und an dem knirschenden Rad drehen! Ich glaube mittlerweile stehen oder hängen die meisten Kaugummi-Automaten ja nur noch aus Gewohnheit. Weil es in Berlin eben immer schon so war. Und wer weiß, vielleicht steckt hinter der Street-Art-Collage ja auch einfach ein Automatenaufsteller, der mal wieder etwas Werbung für seine kleinen Apparate machen will…

Hier noch eine schöne Variante mit Briefkästen (Kottbusser Damm/Gräfestraße):

Die Tücken der P-Sharan

Ich bin aber auch selbst Schuld: Da schenke ich meiner Schwester Deborah zu Weihnachten eine Pinhole-Kamera aus Pappe und überlasse ihr ganz allein den schwierigen Teil des Aufbaus. Äußerlich wirkte das Bastelset aus Japan durchaus einfach und verständlich. Die Packung des Modells  P-Sharan STD-35e lockte mit bunten Fotos und dem Versprechen des Herstellers „assembles in 1 hour or less“. Die Montage sollte sogar komplett ohne Klebstoff erfolgen, was den Schwierigkeitsgrad in meinen Augen deutlich zu senken schien.

Dass dem nicht so ist, stellt Deborah jetzt in ihrem Blog klar. In stundenlanger Geduldsarbeit hat sie die weitgehend unverständliche Anleitung interpretiert und Dutzende ähnlich beschrifteter Einzelteile (P1, B2, M7 etc.) zusammengefügt. Nicht mit Klebstoff, sondern mit den beigelegten Klebestreifen (soviel zum Versprechen „glueless“). Ihr Bericht dieses Unterfangens ist überaus lesenswert und für mich schon jetzt einer der lustigsten Blogartikel des Jahres. Aber lest am besten selbst: Deborah bastelt sich ‘ne Kamera.

Der Eissauger von Ludwigsfelde

Die Eistruhe öffnet sich wie der kalte Sarg von Graf Dracula. Dann schwebt der Rüssel heran, senkt sich hinunter, saugt ein Eis an und zieht es auf fast magische Weise hoch. Jetzt hängt es am seidenen Faden…äh…am seidenen Rüssel. Schafft der es, das Eis zum Ausgabeschacht zu befördern ohne dass es herunterfällt? Ja, er schafft es. Wenige Sekunden später hält man tatsächlich das gewünschte Stieleis in der Hand. Ich bin immer noch ganz begeistert von der Technik dieses Saugrüssel-Automaten, den ich in der Kristalltherme in Ludwigsfelde entdeckt habe.

Vielleicht liegt es an meinen bisherigen Erfahrungen mit diesen Geräten: Schon seit meiner Kindheit üben Automaten einen ganz besonderen Reiz auf mich aus. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Besuche beim Kaugummi-Automaten im Westend, den ich mit meinem kostbar gesparten Taschengeld fütterte. Immer in der Hoffnung, dass nicht einer der knallbunten Kaugummis, sondern endlich das heißersehnte Glibber-Skelett herauskommen möge. Auch bei Ausflügen mit der S-Bahn gingen mein Vater und ich oft vorher zum Süßigkeiten-Automaten, um noch einen Schokoriegel für die Fahrt herauszulassen oder eine kleine Tüte mit M&M´s.

Kurze Zeit später wollte ich dann sogar selbst Automaten-Aufsteller werden (und zwar am liebsten für Kaugummi- und Süßigkeiten-Automaten). Ich stellte mir das wunderbar vor, schließlich waren die Automaten immer mit den leckersten Sachen gefüllt. Und außerdem wusste ich ja, wie viel Geld man als Kind da so reinsteckt. Es schien nach meinem Dafürhalten als Fünfjähriger eine unerhört lukrative Branche zu sein. Und ich mittendrin!

Ich bin dann doch kein Automaten-Aufsteller geworden. Eigentlich schade, denn sonst hätte ich mir sicher auch so einen Saugrüssel-Automaten zugelegt und natürlich im Vorraum eines Schwimmbades platziert. Ich denke einen besseren Platz gibt es gar nicht für so ein wunderbares Gerät. Viele Leute werfen bestimmt auch nur Geld ein, um mal zu sehen, ob der merkwürdig aussehende Saugrüssel es tatsächlich schafft, ein Eis ans Tageslicht zu befördern.

Auch im Internet scheint die Fangemeinde dieses Automaten-Typs groß zu sein: Es gibt jedenfalls eine ganze Menge Videos bei YouTube, die den Eissauger in Aktion zeigen. Vermutlich ist er damit sogar der meistgefilmte Eisautomat weltweit. Na das ist doch mal was!

Spontane Party auf dem Eis

Ein Transporter von Robben & Wientjes, ein Kessel mit Glühwein und ein DJ – mehr braucht man nicht, um in Berlin ganz spontan eine Party auf dem Eis zu feiern. So gesehen gestern Nachmittag im Park gegenüber der Lohmühlenbrücke in Kreuzberg.

Auch sonst war auf dem gefrorenen Landwehrkanal viel los: Jede Menge Spaziergänger, Eltern mit Kinderwagen und natürlich mein Bruder und ich. Wir nutzten dann auch gleich die Abkürzung übers Eis, um schneller zum Supermarkt zu kommen. Auf dem Rückweg gab es dann unerwartete Probleme: Wir hatten unseren Einkaufswagen wohl zu schwer beladen und die Eisdecke war wohl doch noch nicht dick genug. Jedenfalls knackte es plötzlich und schon brach unser Wagen ein. Schöne Bescherung! Ich konnte gerade noch nach einer Cola-Flasche greifen, ehe alles versank.

Leider habe ich von diesem einmaligen Moment kein Beweisfoto schießen können, aber wenn ihr im nächsten Frühjahr am Kanal eine Packung Erbsengemüse oder ein paar Fischstäbchen vorbeischwimmen seht, dann denkt an diese wahre Begebenheit. In diesem Sinne: Frohen Winter!

Discounter-Krieg in Kreuzkölln

Aldi war das erste Opfer: Der Markt am Maybachufer war eines Morgens plötzlich weg. Kein Licht, keine Waren, vor der Tür drehte schon der Abrissbagger seine Kreise. An der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln tobt schon seit längerem der Discounter-Krieg. Es geht um viel: So zählt etwa der angrenzende Reuterkiez auf der Neuköllner Seite zu den am dichtesten besiedelten Gebieten von Berlin (und das obwohl es dort fast keine Hochhäuser gibt).

Der Schließung des ALDI war eine Provokation von LIDL nebenan vorangegangen. Der Markt hat dank seines großen Parkplatzes ohnehin schon einen Vorteil im Kampf um die Kunden. LIDL hatte seinen Verkaufsraum renoviert, die Regale umsortiert und sich mit einer Backstation bewaffnet. Man glaubt ja gar nicht, was diese Aufbackapparate für eine Anziehungskraft haben. Davon hängt häufig schon die Entscheidung für oder gegen einen Einkauf dort ab: „Gehen wir zu Aldi oder zu LIDL?“ – „Ach lass doch zu LIDL gehen, bei Aldi gibt es nur dieses labbrige Tütenbrot.“ Entscheidung getroffen. Und die Erfahrung zeigt: Meistens kauft man aus Bequemlichkeit doch nur in einem Supermarkt ein.

Der Discounterkrieg geht weiter! Letzte Woche wollte ich nach dem Schwimmen gehen noch rasch bei Penny vorbei. Auch hier: Der komplette Laden war leergeräumt. Keine Waren, keine Regale, keine Kassen. Stattdessen Handwerker, die den Laden aufrüsten, ihn für den Konkurrenzkampf stählen. So stehen Bier, Wein und Chips jetzt direkt vorne an den Kassen. Wer also nur für den Partyabend einkauft, braucht nicht durch den ganzen Laden zu laufen. Dafür ist der unsägliche Non-Food-Plunder (Billig-Kleidung, schrottige Haushaltsgeräte etc.) nach hinten gewandert. Und auch hier liefert eine Backstation brummend neue Brote im Stundentakt.

So ein Komplettumbau will ja gut überlegt sein. Statistisch gesehen hat ein Supermarkt zwischen 20-30.000 Produkten. Diese Warenmassen müssen schnell und sicher in ein Lager und hinterher wieder zurückgebracht werden. Das steckt schon eine unglaubliche Logistik dahinter. Nicht zu vergessen: Während der ganzen Zeit des Umbaus verdient die Filiale keinen einzigen Cent.

In unserem Kiez scheint es sich jedenfalls zu lohnen. Denn wie ich per sicherer Mundpropaganda erfahren habe: Der Aldi ist gar nicht weg, er lädt nur nach. Der Markt am Maybachufer wird in wenigen Monaten komplett neu aufgebaut. Größer, sauberer und vielleicht sogar mit Backstation. Der Discounter-Krieg in Kreuzkölln geht also weiter…

Fünf Gerüchte über Irland

Über Irland und die Iren kursieren ja viele wilde Gerüchte. Ich war dort und habe fünf von ihnen vor Ort überprüft:

1. Die Iren sitzen den ganzen Tag nur im Pub

Das stimmt nicht: Die meisten irischen Pubs machen ja erst mittags auf. Dafür sind aber um 15:30 Uhr auch schon gerammelt voll. Zu Live-Musik und frisch gezapftem Guinness (Pint à  4,10 Euro) lassen es sich Touristen und Iren und irische Touristen in der Dubliner Innenstadt gut gehen. Der frühe Start der Festivitäten liegt an der Sperrstunde. Diese scheint zwar ausgesprochen flexibel zu sein (googelt mal „Sperrstunde in Irland“ – von 23:30 bis 1 Uhr nachts ist da alles dabei), aber die Stimmung kocht trotzdem meistens schon am frühen Abend richtig hoch. Die meisten Pubs sind ausgesprochen hell gestaltet, man könnte fast sagen familienfreundlich. Geraucht wird draußen, sehr angenehm!

2. Irland steckt in einer tiefen Rezession

Es scheint zumindest so. Der Renner in irischen Buchläden ist zurzeit Wirtschaftskrisen-Literatur. Gleich neben dem Regal mit Büchern über Hitler und Nazi-Großväter haben sich diese Werke breit gemacht. Von der Ursachensuche (“How Ireland really went bust”, “Who really runs Ireland?”, „How the Courts have exposed the Rotten Heart of the Irish Economy”) über intime Einblicke (“The rise the fall of one man, one bank and one country”, “Inside the Bank that broke Ireland”) bis zu Krisenbewältigungsbüchern (“Beyond the Crash”, “Enough is Enough. How to Build a New Republic”) ist viel Lesestoff für die kalten Wintertage dabei. Und wenn mal die Heizung ausfällt, kann man die dicken Krisenwälzer sicher prima auch dafür verwenden (alternativ auch Nazi-Revival-Literatur).

3. In Irland gibt es leckeres und günstiges Bier

Jein. Wer Schwarzbier mag, der kommt an Guinness in Irland natürlich nicht vorbei. Das kommt in praktisch jedem Pub frisch aus dem Hahn. Der Schaum des Bieres ist sehr feinporig, er ähnelt fast Milchschaum oder der Crema von einem guten Kaffee. Statt Milchbart also Bierbart! Die Krise mag Irland fest im Griff haben, auf die Bierpreise hat sich das bedauerlicherweise nicht ausgewirkt: Im Supermarkt werden 0,5-Liter-Dosen Guinness für 1,99 Euro schon als heißes Angebot gefeiert. Wer zum Viererpack greift, zahlt 7,99 Euro (was absurderweise sogar 3 Cent mehr sind). Der Unterschied zum gezapften Bier im Pub ist da gar nicht mehr so groß – was vielleicht auch die Popularität dieser Einrichtung erklärt.

4. Die Iren stehen auf Verbote

Ja, definitiv! An der Uferpromenade von Dun Laoghaire etwas außerhalb von Dublin waren nicht weniger als neun Verbote angeschlagen. Von 10 Uhr morgens bis 7 Uhr abends ist es verboten, Tiere gleich welcher Art (ausgenommen Blindenhunde) auf der Strandpromenade spazieren zu führen. Das gilt aber nur von Juni bis September. Ferner ist der Konsum von Alkohol verboten. Wer Müll weg wirft zahlt zwischen 150 und 3000 Euro. Lässt man die Haufen der ohnehin verbotenen Hunde liegen, kostet das ebenfalls 150 Euro. Tauchen ist ebenso verboten wie Angeln. Aufpassen muss man vor den großen Wellen der Autofähre (kein Witz!) und vor verborgenen Felsen im Wasser (die man beim Tauchen vermutlich sehen würde). Hab ich noch was vergessen? Ach ja, es gibt keine Rettungsschwimmer am Strand. Vermutlich hat David Hasselhoff gerade Urlaub. Um es kurz zu machen: Irland wäre vermutlich das ideale Reiseland für den größten Fan von strengen Regeln, den ich kenne, Gunnar Schupelius von der BZ. Das könnte mal eine sehr unterhaltsame Reisekolumne werden.

5. Die Iren sind prüde

Das kann ich nur bestätigen! Abends waren wir mal in der Hotelsauna. Wer nun denkt, hier könnte man ganz ungestört skandinavisch nackt saunieren, liegt falsch. Die Iren gehen nur in Badebekleidung in die Sauna, lassen dafür aber das lästige Handtuch weg und schwitzen lieber so die Bank voll. Ein Wunder, dass sie überhaupt die Badekappe dabei abnehmen, denn die ist im ganzen Schwimmbadbereich eigentlich auch Pflicht. Geduscht wurde in nicht einsehbaren Duschkabinen mit Sichtschutztür – die Umkleide war dann aber absurderweise offen einsehbar. Kann sein, dass wir nur zufällig in der prüdesten Sauna von Irland gelandet sind, aber das fand ich schon alles ziemlich schräg und nun ja, irgendwie irisch!