Berlin von oben

Wer Berlin von oben betrachten möchte, der hat ja einige Möglichkeiten: Er kann auf den Teufelsberg gehen (kostenlos), auf den Funkturm am ICC fahren (4,50 Euro), sich den Fernsehturm am Alexanderplatz gönnen (12 Euro) oder den Hi-Flyer besteigen (19 Euro).

Ich hatte von Kollegen einen Gutschein geschenkt bekommen und mich daher für die letztere Variante entschieden. Der Hi-Flyer ist ein Fesselballon, der mit Helium gefüllt ist und an einem Stahlseil hoch- und heruntergelassen wird. In 150 Metern Höhe kann man dann in dem käfigartigen Rondell des Hi-Flyers umhergehen und die Aussicht in alle Richtungen genießen. Dazu läuft ein Audio-Kommentar, der technische Daten erläutert und einem immer wieder versichert, wie sicher es hier oben doch ist. Alles in allem natürlich eine ziemlich touri-mäßige Angelegenheit, aber dennoch eine schöne Gelegenheit, ein paar Fotos von Berlin aus der Luft zu machen und dabei den „Spielzeug“-Modus meiner Kamera auszuprobieren. Achtet mal auf den geringen Schärfebereich und die knalligen Farben, welche die Stadt so wirken lassen, als sei sie eine Modellbahnanlage.


Links das Axel-Springer-Hochhaus, rechts daneben in rot das GSW-Gebäude


Das Tempodrom am Anhalter Bahnhof von oben


Der Potsdamer Platz mit seinen „Hochhäusern“ wirkt plötzlich ganz klein


Dürfen nicht fehlen: Bundeskanzleramt, Hauptbahnhof und Reichstag der Spielzeugrepublik


Doch noch etwas größer: Der Fernsehturm. Rechts ist verschwommen das rote Rathaus zu sehen


Ungewohnte Einblicke ins Berliner Leben: Wer hätte gedacht, dass diese eher unspektakulären Mietshäuser so schicke Dachterrassen haben?


Ein kleiner Zoom: Hier wird doch tatsächlich Gartenarbeit betrieben!

Die Wahrheit über Berlin

Wer immer noch denkt, dass Berlin „schön“, „sexy“ und „in“ ist, der erfährt hier endlich die Wahrheit. Und wer schon herausgefunden hat, dass keines dieser Attribute auf die Hauptstadt zutrifft, der kann sich immer noch am melancholischen Klang von Wladmirs Keyboardspiel erfreuen. Wenn sich die drei Musiker von Incredible Herrengedeck mit ihren Instrumenten im eisigen Wind wiegen und dazu mit rauen Stimmen den Refrain von „Berlin stinkt, Berlin ist dreckig…“ anstimmen, dann geht einem doch immer wieder das Herz auf. Aber seht selbst!

Sushi-Ecken im Untergrund

Mittags auf dem Kottbusser Damm: Türkische Mütter gehen einkaufen. Bärtige Männer sitzen im Café oder promenieren über die nicht vorhandene Promenade. In den Buden drehen sich Dönerspieße brutzelnd im Kreis.

Wer die schmuddeligen Treppen zum U-Bahnhof Schönleinstraße hinuntereilt, der erwartet sicher vieles, aber kein hochwertiges Fast-Food. Und doch gibt es seit kurzem mitten auf dem Bahnsteig der Linie U8 einen neuen Imbiss, der Onigiri verkauft.

Oni…wie? Onigiri sind Reis-Taschen, die ursprünglich aus Japan und Korea kommen. Ein Meeresalgenblatt bildet die Hülle für die herzhafte Füllung aus gekochtem Fisch, Fleisch oder Gemüse und jeder Menge Klebereis. Die aktuellen Kreationen heißen zum Beispiel „Lachs & scharfe Pflaume“, „Hühnchen & Süßkartoffel“ oder „Umeboshi & Stangensellerie“.

Ich entscheide mich für die Variante mit Lachs und scharfer Pflaumensoße. Geschmacklich kann diese durchaus überzeugen: Das Lachsfilet in der Mitte der Tasche ist mit bloßem Auge zu erkennen und hat ein zartes Aroma, welches gut mit der süßlichen Schärfe der Soße harmoniert. Ähnlich wie bei Sushi ist der Eigengeschmack der Tasche im Ganzen aber eher zurückhaltend. Hier würde vielleicht Sojasauce weiterhelfen (die unterwegs aber denkbar unpraktisch ist).

Noch eine weitere Eigenschaft teilt Onigiri mit Sushi: Es macht nicht richtig satt. Um eine Hauptmahlzeit zu bestreiten, muss man schon zwei oder drei der handlichen Taschen essen. Etwas seltsam wirkt da der Werbespot, der auf einem Bildschirm an der Bude gezeigt wird: Onigiri wird da als Alternative zu Currywurst und Döner präsentiert. Tatsächlich ist es eher ein kleiner Snack.

Zwischen 2,50 Euro und 3 Euro kostet ein Onigiri. Das ist ganz schön viel und lässt sich eigentlich auch nicht mit der versprochenen Bio-Qualität rechtfertigen. Für einen Snack zu teuer – für eine Hauptmahlzeit zu klein? Jedenfalls kann man für den Preis von drei Reistaschen im nahe gelegenen Reuterkiez schon ziemlich gut essen gehen.

Was uns zu der Lage bringt: Die wirkt skurril angesichts der Nachrichten der letzten Monate. Die Schönleinstraße sei ein „Drogenbahnhof“ hieß es da und zähle neben dem Kottbusser Tor zu den zwielichtigsten Stationen überhaupt in Berlin. Warum eröffnet ausgerechnet hier einen Edel-Imbiss?

Die Antwort weiß Thorsten Reuter, der Geschäftsführer von Rice Up. Eben noch hat er einer holländischen Besuchergruppe die Vorzüge des Onigiri-Konzeptes erklärt, jetzt wendet er sich mir zu: „Den Standort haben wir bewusst gewählt, wir wollten ein Paradoxon in dieser Umgebung schaffen“, sagt er. Wer ein paar Stunden im Bahnhof arbeite, sehe das Leben in seiner ganzen Bandbreite vorüberziehen. Vom Studenten bis zum Junkie komme hier jeder lang. „Mit dem Imbiss wollen wir zeigen, dass ein Miteinander von beiden Welten möglich ist“, sagt Reuter und klingt dabei ein bisschen so, als hätte er gerade ein soziales Hilfsprojekt eingeweiht.

Tatsächlich richtet sich Rice Up Onigiri aber an eine ganz bestimmte Klientel: Es sind Leute, die sich bewusst ernähren und dafür gerne auch etwas mehr ausgeben. Die experimentierfreudig sind und das anderen auch gerne zeigen. Es sind Hippster, die Onigiri kaufen und nicht Kleinverdiener oder Junkies.

Thorsten Reuter erzählt von seinen Ausbauplänen: Ein mobiler Imbisswagen werde gerade umgebaut, bis zum Ende des Jahres soll es noch einen zweiten Standort in Berlin geben. Es sind ambitionierte Ziele.

Wieder oben am Tageslicht, kommen sie einem gleich nochmal so ambitioniert vor: Die Dönerläden hier tragen einen harten Preiskampf aus. 1,49 Euro schreit es in roten und gelben Lettern von den Schildern. Auch Gemüse-Kebap steht hoch im Kurs. Überhaupt herrscht an günstigen Imbissen kein Mangel: Currywurst, Vietnamesisch, Grillhähnchen, Hamburger – die Liste ist lang. Ob da noch Platz für Onigiri ist?

Thorsten Reuter kämpft derweil noch an einer ganz anderen Front. Er will Werbeplakate an der Treppe zur U-Bahn aufhängen. Doch die Werbefirma der BVG lehnte ab: Die Plakate würden das Erscheinungsbild des Bahnhofs Schönleinstraße stören. Da ist es wieder, das Paradoxon von der Schönleinstraße.

Street-Art: Kaugummi-Automaten und Briefkästen ohne Ende

Dass Kaugummi-Automaten seit meiner Kindheit einen besonderen Reiz auf mich ausüben, hatte ich an anderer Stelle ja schon erwähnt. Deshalb habe ich mich auch besonders über diese Street-Art-Collage in meiner Nachbarschaft (Paul-Lincke-Ufer beim Bouleplatz) gefreut. Hunderte Kaugummi-Automaten hat dort jemand auf Poster gedruckt und nebeneinander geklebt. Von weitem sieht man erst gar nicht was es ist. Die grobe Struktur macht neugierig. Erst wenn man näher kommt, sieht man die Automaten.

Mit der Kaugummi-Automaten-Collage macht der unbekannte Street-Art-Künstler zudem Dinge sichtbar, die wir im Alltag häufig übersehen. Allein auf meinem Weg zum Supermarkt laufe ich schon an zwei bis drei Kaugummi-Automaten vorbei. Man nimmt sie nur aus dem Augenwinkel wahr, viele sind mit Graffiti beschmiert oder haben anderweitig gelitten. Sie stehen in der fahlen Wintersonne und warten auf kleine Kundschaft. Doch wie selten sieht man jemanden ein zehn Cent Stück einwerfen und an dem knirschenden Rad drehen! Ich glaube mittlerweile stehen oder hängen die meisten Kaugummi-Automaten ja nur noch aus Gewohnheit. Weil es in Berlin eben immer schon so war. Und wer weiß, vielleicht steckt hinter der Street-Art-Collage ja auch einfach ein Automatenaufsteller, der mal wieder etwas Werbung für seine kleinen Apparate machen will…

Hier noch eine schöne Variante mit Briefkästen (Kottbusser Damm/Gräfestraße):

Die Tücken der P-Sharan

Ich bin aber auch selbst Schuld: Da schenke ich meiner Schwester Deborah zu Weihnachten eine Pinhole-Kamera aus Pappe und überlasse ihr ganz allein den schwierigen Teil des Aufbaus. Äußerlich wirkte das Bastelset aus Japan durchaus einfach und verständlich. Die Packung des Modells  P-Sharan STD-35e lockte mit bunten Fotos und dem Versprechen des Herstellers „assembles in 1 hour or less“. Die Montage sollte sogar komplett ohne Klebstoff erfolgen, was den Schwierigkeitsgrad in meinen Augen deutlich zu senken schien.

Dass dem nicht so ist, stellt Deborah jetzt in ihrem Blog klar. In stundenlanger Geduldsarbeit hat sie die weitgehend unverständliche Anleitung interpretiert und Dutzende ähnlich beschrifteter Einzelteile (P1, B2, M7 etc.) zusammengefügt. Nicht mit Klebstoff, sondern mit den beigelegten Klebestreifen (soviel zum Versprechen „glueless“). Ihr Bericht dieses Unterfangens ist überaus lesenswert und für mich schon jetzt einer der lustigsten Blogartikel des Jahres. Aber lest am besten selbst: Deborah bastelt sich ‘ne Kamera.

Der Eissauger von Ludwigsfelde

Die Eistruhe öffnet sich wie der kalte Sarg von Graf Dracula. Dann schwebt der Rüssel heran, senkt sich hinunter, saugt ein Eis an und zieht es auf fast magische Weise hoch. Jetzt hängt es am seidenen Faden…äh…am seidenen Rüssel. Schafft der es, das Eis zum Ausgabeschacht zu befördern ohne dass es herunterfällt? Ja, er schafft es. Wenige Sekunden später hält man tatsächlich das gewünschte Stieleis in der Hand. Ich bin immer noch ganz begeistert von der Technik dieses Saugrüssel-Automaten, den ich in der Kristalltherme in Ludwigsfelde entdeckt habe.

Vielleicht liegt es an meinen bisherigen Erfahrungen mit diesen Geräten: Schon seit meiner Kindheit üben Automaten einen ganz besonderen Reiz auf mich aus. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Besuche beim Kaugummi-Automaten im Westend, den ich mit meinem kostbar gesparten Taschengeld fütterte. Immer in der Hoffnung, dass nicht einer der knallbunten Kaugummis, sondern endlich das heißersehnte Glibber-Skelett herauskommen möge. Auch bei Ausflügen mit der S-Bahn gingen mein Vater und ich oft vorher zum Süßigkeiten-Automaten, um noch einen Schokoriegel für die Fahrt herauszulassen oder eine kleine Tüte mit M&M´s.

Kurze Zeit später wollte ich dann sogar selbst Automaten-Aufsteller werden (und zwar am liebsten für Kaugummi- und Süßigkeiten-Automaten). Ich stellte mir das wunderbar vor, schließlich waren die Automaten immer mit den leckersten Sachen gefüllt. Und außerdem wusste ich ja, wie viel Geld man als Kind da so reinsteckt. Es schien nach meinem Dafürhalten als Fünfjähriger eine unerhört lukrative Branche zu sein. Und ich mittendrin!

Ich bin dann doch kein Automaten-Aufsteller geworden. Eigentlich schade, denn sonst hätte ich mir sicher auch so einen Saugrüssel-Automaten zugelegt und natürlich im Vorraum eines Schwimmbades platziert. Ich denke einen besseren Platz gibt es gar nicht für so ein wunderbares Gerät. Viele Leute werfen bestimmt auch nur Geld ein, um mal zu sehen, ob der merkwürdig aussehende Saugrüssel es tatsächlich schafft, ein Eis ans Tageslicht zu befördern.

Auch im Internet scheint die Fangemeinde dieses Automaten-Typs groß zu sein: Es gibt jedenfalls eine ganze Menge Videos bei YouTube, die den Eissauger in Aktion zeigen. Vermutlich ist er damit sogar der meistgefilmte Eisautomat weltweit. Na das ist doch mal was!