Street-Art in Kreuzberg (Folge 1)

Wer in Kreuzberg wohnt, dem fällt schon nach kurzer Zeit die hohe Dichte an kreativer Street-Art auf. An den Hauswänden tummelt sich eine ganze Schar bunter Sprüh- und Klebemotive. Wer genau hinschaut, kann schon bei einem kurzen Spaziergang um den Block die Bekanntschaft mit Buddha, Charlie Chaplin und Mona Lisa machen. Inspiriert vom Blog meiner Schwester war ich mit der Kamera unterwegs und bin rund um den Görlitzer Bahnhof fündig geworden. Aber seht selbst:

Der große Komiker Chaplin mal ganz klein: Als Schablonenspray an einer Hausecke nahe dem Görlitzer Bahnhof. Schön auch die dazugehörige rote Blume, deren Stiel kunstvoll in den Boden übergeht und so eine Rahmung für das Gesamtwerk schafft. Witziges Detail ist die Zigarettenkippe: Guckt Chaplin-Junior etwa so verschmitzt, weil er sie gerade unaufällig entsorgt hat?

Einen Glimmstengelwurf entfernt ruft Mona Lisa höchstpersönlich die Passanten zu etwas Ruhe auf. Sicher eine Reaktion auf den nächtlichen Trubel in der nahegelegenen Partymeile Oranienstraße.

Hier wird scharf geschossen: Die beiden Pistoleros bewachen einen Hauseingang am Görli und verteidigen ihn gegen anstürmende Köter, die hier nur zu gerne ihr Bein heben und zielgerichtet das Bewag-Emblem anpissen. Vorteil der Street-Art: Sie ist abwischbar und wasserbeständig.

Wer ist Zaira? Eine kurze Google-Suche bringt folgende Ergebnisse: Ein Modell mit verträumt-grünbraunen Augen, eine Russische Dichterin und ein Kaffeeservice von Villeroy & Boch. Der Unterteller sieht dem Hut der Dame auf dem Bild sogar ein wenig ähnlich. Wie dem auch sei: In Schwarz-Weiß hebt sich die unbekannte Schöne jedenfalls schön von der bunt besprühten Hauswand ab. Ein kleines Meisterwerk, dass leider schon erste Spuren des Verfalls zeigt…

Um Buddha einen Besuch abzustatten und sich etwas Street-Art-Liebe abzuholen, muss man sich vom Görli südlich halten. Über den Fluss rüber und dann ist man fast da. Hier am Rand von Neukölln wartet er in der Pflügerstraße auf Pilger.

An sich halte ich Fotos mit GPS-Informationen (so genannte Geotags) ja für ziemlichen Schnickschnack. Aber hier wären sie doch mal praktisch: Anhand der verknüpften Koordinaten könnte schließlich jeder genau sehen, wo gerade welche Street-Art an der Hauswand „ausgestellt“ ist. Und würde den Buddha oben womöglich schneller finden, als mit meiner Beschreibung.

Die Flickr-Gruppe „RYC Berlin Urban-Art Map“ hat sich an solch einer virtuellen Street-Art-Karte für Berlin versucht. Per Mausklick sieht man, wo welches Straßenkunstwerk aufgenommen wurde. Es sind allerdings erst rund 100 von über 300 aufgenommenen Motiven mit Geotags versehen und so auf der Karte lokalisierbar. Ein weiteres Problem stellt die kurze Halbwertszeit der Werke dar: Viele Bilder sind schon nach kurzer Zeit wieder verschwunden oder werden durch Neue ersetzt.

Und so kann es sein, dass ihr bei eurem nächsten Spaziergang durch Berlin nicht Buddha, Charlie Chaplin oder Mona Lisa sondern ganz andere Prominente trefft. Street-Art in Berlin bleibt dynamisch und wild. Und hebt sich in ihrer kreativen Qualität wohltuend von den eher kargen Versuchen in anderen, kleineren Städten ab.

Aufgetaut

Kaum hat 2011 begonnen, schon haben wir Berliner wieder Pech gehabt. Nein, es geht zur Abwechslung mal nicht um die S-Bahn, sondern um den Silvestermüll. Während es letztes Jahr nämlich kräftig schneite und die Reste vom Fest so bis mindestens Ostern unter einer dicken Schneeschicht versteckt blieben, ist derzeit Tauwetter angesagt. Schon in den ersten Januarwochen kommen abgeschossene Böller und Raketen wieder zum Vorschein. Eine matschige Masse aus feucht-bunter Pappe und rötlichem Füllmaterial zieht sich durch die Straßen. Hinzu kommt eine Unmenge leerer Sektflaschen, die als schmückendes Beiwerk die Kreuzberger Straßenränder verzieren.

Wie schön war das doch 2010 gewesen: Kurz nach dem Jahreswechsel setzte ein dichtes Schneetreiben ein. Flocke für Flocke legte sich eine dichte Decke über die versilvestermüllten Straßen. Keine Böllerreste, keine Sektflaschen. Fast hätte man denken können, es hätte gar kein Silvester gegeben, wenn nicht hier und da ein abgeknickter Raketenstab verloren aus der Erde geschaut hätte.

Man kann die Schneekugel drehen und wenden wie man will, dieses Jahr fängt in Berlin silvestermülltechnisch gar nicht gut an. Wie soll das nur weitergehen? Ich weiß es schon: Als nächstes fliegen die ganzen Weihnachtsbäume auf die Straße und vernadeln den Gehweg. Dann passiert eine Weile nichts, der Böllermatsch wird vom Regen weggespült, die Bäume bleiben am Straßenrand liegen. Irgendwann kommt ein Mann vorbei, der zuhause noch eine Ofenheizung hat und sägt den Bäumen den Stamm ab. Der brennt nämlich am besten. Das Astwerk bleibt liegen und wärmt die Alleebäume gegen den Frost. Eine Winteridylle. Und ganz ohne Schnee.

Kunst und Crime: Marcel van Eeden

Sein Zeichenstil ist hart und kontrastreich, seine Geschichten spielen mit bekannten Versatzstücken des Film Noir. Der Niederländer Marcel van Eeden kombiniert in seinen Werken Kunst und Crime. Mehr als 500 Zeichnungen sind jetzt im Haus am Waldsee zu sehen. Das Berlin-Blog hat einen Blick riskiert.

Elf Serien bilden das Herzstück der Ausstellung „Schritte ins Reich der Kunst“. Wie Filmschnipsel hängen die kleinformatigen Zeichnungen an der Wand. Von links nach rechts, zuweilen auch kreuz und quer, verlaufen die Erzählstränge durch den Raum.

So lernen wir in einer Serie etwa den mysteriösen K.M. Wiegand kennen. Gezeichnete Buchcover, Zeitungsausschnitte und Dokumente lassen ihn wahlweise als Geologen oder Gangsterboss, als Admiral oder Mörder erscheinen. Marcel van Eeden spielt mit dem Betrachter. Er macht es ihm unmöglich, sich ein abschließendes Urteil über die Person Wiegand zu bilden.

Rätselhaft bleiben auch die Ereignisse in der wahrscheinlich stärksten Serie der Ausstellung: „Zurich Trial, Part 1: Witness for the Prosecution“. Eine junge Frau namens Celia erzählt in einer Rückblende die Geschichte des (mutmaßlichen) Mordes am Kunstsammler Matheus Boryna. Der Künstler Oswald Sollmann soll ihn erschossen haben, womöglich um an eine Kiste mit verschollenen Grünewaldzeichnungen zu gelangen. Doch die genauen Umstände bleiben unklar. Sollmann kann nicht überführt werden. Ist er wirklich der Täter? Oder hat sich Boryna doch selbst das Leben genommen? Marcel van Eeden zelebriert diese Rätselhaftigkeit. Je mehr Nebenstränge man sich anschaut, desto widersprüchlicher wird das Bild. Nichts ist sicher, alles bleibt vage.

Bei aller Unklarheit im Erzählgegenstand verfolgt Marcel van Eeden in seinem Schaffen ein klares Konzept: So benutzt er als Vorlage für seine Kohlezeichnungen ausschließlich Ausschnitte aus Zeitungen oder Magazinen, die älter sind als er selbst. Er sampelt die Bildinhalte und fügt sie zu neuen Werken zusammen. Eine Zeit lang soll er jede Nacht ein Bild gemalt haben. Viele dieser Skizzen sind online auf seiner Webseite zu sehen, die Stimmungsvollsten stellt er hin und wieder zu Serien zusammen.

Häufig ergänzt Marcel van Eeden seine Zeichnungen um Unter- oder Zwischentitel. Text und Bild bilden dabei jedoch keine Einheit, sie erscheinen bisweilen sogar konträr. Zum Bild einer durchgeladenen Maschinenpistole textet van Eeden etwa „In his free hand he would carry a large bag of chocolates“. Nicht zuletzt diese Komik macht das Werk des Niederländers so reizvoll.

Marcel van Eeden – Schritte ins Reich der Kunst ist noch bis 30. Januar im Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, in Berlin-Zehlendorf zu sehen. Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro.

IKEA grüßt im U-Bahnhof

Der Preis für die originellste Verwendung eines IKEA-Regals geht in diesem Jahr an…tadadadaa…großer Tusch…den Zeitungskiosk im U-Bahnhof Rudow (Linie U7)! Das Regal-Modell EXPEDIT (Birkennachbildung, 59 Euro) dient hier als Verkaufstresen und Angebotsständer für Tageszeitungen. Praktischerweise scheint die Breite des Fachs genau dem nordischen Format zu entsprechen. ZEIT, FAZ und Tagesspiegel passen also bequem hinein und ragen sogar vorne ein Stück heraus (Griffzone!). Nachteilig könnte sich allein die tiefe Platzierung der Qualitätszeitungen auswirken: Sie werden zur sprichwörtlichen Bückware.

Wer den Kiosk schon länger kennt, der weiß um die Verbesserung, die der neue IKEA-Tresen gebracht hat. Zuvor war die Verkaufstheke nämlich absurderweise diagonal in den etwa zwei mal drei Meter großen Container eingebaut. Man konnte nicht richtig hineingehen, um sich etwa eine Zeitschrift selbst zu nehmen, stand aber andererseits zu weit weg, um dem Kioskinhaber seinen Kaufwunsch ohne lauten Zuruf (Geräuschkulisse U-Bahnhof!) mitzuteilen. Verschwunden sind bei der Umbauaktion leider auch die kultigen Weihnachtsrezept-Hefte vom letzten Jahr, die den ganzen Sommer über in den gläsernen Schaukästen an den Seiten des Kiosks auf Kundschaft warteten. Schade, die hätte man jetzt doch glatt schon wieder anbieten können…

Bloß nicht verzetteln!


Wer kennt sie nicht: Witzige oder auch nur witzig gemeinte Aushänge im Treppenhaus, am Laternenmast oder am Schwarzen Brett der Uni. Es wird aufgerufen, appelliert und gedroht, dass es eine wahre Freude ist. Neu ist das nicht. Aber in kaum einer anderen Stadt laufen so viele skurrile Fundstücke auf wie in Berlin.

Und fast scheint es, als würden in diesem Jahr alle Zettelsammler Deutschlands praktisch zeitgleich auf die Idee kommen, ihre Schätze aus den Schubladen zu kramen und ins Internet zu stellen. Glaubt man dem Datum des ersten Artikels, dann hat gezettelt.de angefangen, dicht gefolgt von Notes of Berlin. Und auch tagesspiegel.de ruft nun – wohl inspiriert von der neuen Zettellust der Blogger – seine Leser zum Einsenden von eigenen Fundstücken auf.

Joab Nist, der Blogger hinter Notes of Berlin, sammelt seit rund zwei Jahren die skurrilsten Aushänge, die er auf seinen Streifzügen durch die Hauptstadt entdeckt. Einige nimmt er mit nach Hause, von anderen macht er direkt vor Ort ein Foto. Eine ganz beachtliche Sammlung sei so zusammengekommen, erzählt er. Und die will der gebürtige Münchner jetzt Stück für Stück ins Netz stellen.

Damit der Zettelstrom aber nicht versiegt, braucht er trotzdem immer neue Einsendungen. Deshalb rührte Joab Nist kurz nach Eröffnung seines Blogs Anfang Oktober kräftig die Werbetrommel. Er mailte berlinspezifische Blogs und Online-Magazine an und schrieb den Online-Redaktionen großer Berliner Tageszeitungen. Einige griffen seinen Vorschlag auf und berichteten über Notes of Berlin. Der Tagesspiegel reagierte hingegen nicht.

Umso erstaunter war Nist, als er kurze Zeit später auf der Onlineseite der Zeitung einen Aufruf an die Leser entdeckte, selbst skurrile Zettelfunde einzusenden. Hat der Tagesspiegel seine Idee einfach geklaut? Nist glaubt nicht an einen Zufall. Doch die Beweislage ist schwierig. Autor des Aufrufs ist Henning Onken, Online-Redakteur der Zeitung und Betreiber des Blogs Fenster zum Hof. Auf seiner Seite haben er und eine Kollegin aber schon viel früher skurrile Aushänge und Zettel gepostet. Und ein Blick in die Fotocommunity Flickr zeigt: Auch dort hat das Veröffentlichen von witzigen Zetteln schon seit Jahren viele Anhänger.

Letzten Endes ist es aber auch nicht ganz so entscheidend, wer mit den Zettel-Blogs angefangen hat. Wichtiger ist, dass die Fundstücke witzig sind und zum Schmunzeln einladen. Und da liegt Joab Nist derzeit ganz weit vorne.

Nachtrag: Auch Bild online ist jetzt auf die Zettel gekommen und will wohl vor allem seine Leserreporter zum Einsenden motivieren. Zeitungswebsite-typisch werden die  Zettel-Fotos  als Klickstrecke präsentiert.

Burger dieser Welt, schaut auf diese Stadt

Wenn es einen neuen kulinarischen Trend in der Hauptstadt gibt, dann sind es die zahlreichen Hamburger-und-Pommes-Lokale, die überall eröffnen. Kaum eine Straße in Kreuzberg, wo nicht der Duft von kross gebratenem Hack und frisch frittierten Pommes Frites lockt.

Die Boulette feiert mit Tomate und Gurke ein fett-fröhliches Revival im Brötchen! Die Herkunft des Wortes Hamburger ist indes weiter umstritten. So beanspruchen Hamburger (also die Bewohner der Stadt) die Erfindung des Frikadellenbrötchens für sich. Über Auswanderer sei der beliebte Imbiss dann in die USA exportiert worden. Eine konkurrierende Theorie besagt, dass der Burger auf einem Jahrmarkt der Stadt Hamburg im Bundesstaat New York das erste Mal gegrillt wurde. Der Hamburger ein Amerikaner? Nein komplett falsch, denn natürlich handelt es sich beim Hamburger um eine urtypische Berliner Erfindung. Die Einheimischen, seit jeher für ihre Bescheidenheit bekannt, nannten die Jahrhunderterfindung schlicht „Boulette im Brötchen“.

Ähnlich wie Friseure setzen auch die neuen Berliner Hamburger-Lokale bei der Namensgebung auf mehr oder weniger originelle Wortspiele: Da gibt es den Burgermeister, das Burgeramt oder den Burgersteig. Beliebt sind auch Kombinationen aus Straßennamen, wie Marienburger oder Görli Burger oder dem Bezirksnamen („Kreuzburger“).

Ein Laden hier ganz in der Nähe nennt sich Berlin Burger International (kurz BBI) und lehnt sich damit namenstechnisch an den gerade im Bau befindlichen neuen Flughafen an. Der BBI liegt verkehrsgünstig auf den neuen Flugrouten, hält sich an das Nachtflugverbot für Pommes (13-23 Uhr) und positioniert sich ansonsten als Drehscheibe für Osteuropa (bulgarischer Schafskäse 80 Cent extra).

Und wo schmeckt die Boulette im Brötchen nun am besten? Um das herauszufinden, hat sich vor kurzem die Burger Initiative gegründet. In 18 wissenschaftlich fundierten Kriterien wie „Ambiente Außenbereich“, „Fleischdicke“, „Brötchenfaktor“, „Preispolitik“ oder „Versauungsfaktor“ bewerten die Engagierten verschiedene Frittenlokale. Auf der sachlich wirkenden Internetseite betonen die Tester ihre Professionalität („In der Praxis bedeutet dies oft ein feucht-fröhliches Beisammensein. Denn wer gut und gerne isst, geht auch zum Lachen nicht in den Keller!“). Die besten Burger werden im Foto gezeigt. Nur ein Anmeldeformular war leider nicht zu finden. So ein guter Burger bleibt eben doch immer noch ein Geheimtipp.